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Aua610: Claudia Ludwig, der bmt und ein aufwendiger Versuch der Medienmanipulation

{TS-Kritik}

 

Nicht nur die Journalisten des medienkritischen NDR-Magazins ZAPP, auch viele andere Kollegen haben aus guten Gründen ein waches Rechercheauge darauf, welche Interessensverbände versuchen, auf die Medien Einfluss zu nehmen. Jede Form der verdeckten oder auch offenen Einflussnahme gefährdet die Unabhängigkeit des öffentlich-rechtlichen Fernsehens.

Ein recht spektakulärer Fall einer solchen versuchten Einflussnahme im Exotenhabitat <Tierschutz> sind die eigentümlichen Aktionen des Bund gegen Missbrauch der Tiere (bmt) zugunsten der Moderatorin Dr. Claudia Ludwig. Diese hat über 20 Jahre lang die Tiervermittlungssendung des WDR, Tiere suchen ein Zuhause, moderiert. Nun wurde ihr Vertrag gekündigt. Doggennetz.de berichtete darüber in Aua522.

Die massiven Proteste der „Tierschützer“ gegen eine schlichte Personalentscheidung des WDR nahmen solche Formen an, dass sich Karl Mertes von der Programmdirektion zu einer Stellungnahme genötigt sah (vgl. Aua537; der dort gesetzte Link auf das Original der Stellungnahme ist inzwischen aber nicht mehr verfügbar).

 

bmt-Location des Ludwig-Pressegesprächs

Am kommenden Sonntag, 29. April 2012, wird die letzte TseZ-Sendung mit Claudia Ludwig ausgestrahlt. Zu diesem Anlass lädt die Moderatorin zu einem „Pressegespräch“ ein – und zwar ausgerechnet in die Räumlichkeiten eines Tierheims des Bund gegen Missbrauch der Tiere.

Doggennetz.de
hatte diese Verbindung zu einem Interessensverband und die Einladung in Aua608 kommentiert.

 

Welche Qualitäten machen Claudia Ludwig soo unersetzlich?

Dem ganzen Vorgang der versuchten Einflussnahme der Tierschützer auf den WDR  eignet eine Reihe von Eigentümlichkeiten. Zunächst einmal fragt sich, welche Qualitäten im Einzelnen Dr. Claudia Ludwig als Moderatorin so unersetzlich machen? (Diese Frage ist aus juristischen Gründen rhetorisch …) Denn die Sendung als solche bleibt ja bestehen und damit dann auch die grundsätzliche Möglichkeit, Tiere zur Vermittlung vorzustellen. Das Nachfolger-Trio steht auch schon fest (hier).

Was tat Claudia Ludwig, was andere Moderatoren nicht leisten können? Was macht den puren Austausch der Moderatorin zu einem solchen Skandal, dass dafür eine ganze Reihe von Protestaktionen ins Leben gerufen werden müssen (siehe unten)?

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Bildzitat Screenshot von: http://www.wdr.de/tv/tieresucheneinzuhause/ am 26.04.2012.
Die (bisherige) Moderatorin Dr. Claudia Ludwig der WDR-Tiervermittlungssendung Tiere suchen ein Zuhause.Eine attraktive Frau, ohne Zweifel. Eine erfahrene Moderatorin, ohne Zweifel. Journalistin dazu - keine Frage. Arriviert in der Tierschutzszene - d'accord. Aber ist sie wirklich  U N E R S E T Z L I C H ???

 

Aufwand ohne Verhältnis bis zur Geschmacklosigkeit „Klagemauer“

Auf die nach Meinung dieser Redaktion kritische Nähe der TseZ-Moderatorin zu den Verbänden, insbesondere zum bmt, wurde in verschiedenen Artikeln schon hingewiesen. Auch in Aua608 und im Kontext mit dem „Pressegespräch“ in den Räumlichkeiten des bmt wurde diese fehlende Distanz einer Journalistin thematisiert.

Ergänzend zur DN-Kritik eben dort erscheint jetzt im Vereinsheft Das Recht der Tiere (April 2012) des bmt ein Artikel zum Thema: „WDR feuert Claudia Ludwig <Tiere suchen ein Zuhause> künftig ohne die beliebte Moderatorin“.

Und dort ist nachzulesen, wie hoch die Welle ist, welche der bmt zugunsten der Person (!!!) Claudia Ludwig losgetreten hat:  Protestkarten an den WDR, eine Aktion auf dem Wallraffplatz, Einladung von 150 Tierschutzvereinen und Tierheimen, Unterschriftenlisten, Aufstellwände mit Protestbriefen und – Achtung: Melodram der Spitzenklasse: - eine „lebende“ Klagemauer mit Fotos und Stofftieren.

 

Vertretbares Anliegen oder doch nur Personenkult?

Die bmt-Spender können in dem Artikel nachlesen, in welche bizarren Aktionen dieser Verein seine Energien fließen lässt. Und mit welchem Ziel:  um eine bestimmte Person - und nicht etwa eine Sendung, ein Konzept oder Ähnliches - durchzusetzen.

Was die bmt-Spender und Tierfreunde in dem Artikel NICHT nachlesen können, sind irgendwelche vernünftigen und nachvollziehbaren Gründe dafür, welche Qualitäten denn nun Dr. Claudia Ludwig so unersetzlich als Moderatorin für diese Sendung machen. Oder soll Beliebtheit bei den Fans ein Argument sein? Geht es, da es sich ja um das Thema Tierschutz handelt, erneut (nur) um Personenkult?

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Bildzitat Screenshot von:  http://www.wau-mau-insel.de/index.php?Seite=16 am 26.04.2012.
Verleihung des Tierschutzpreises 2007 mit einer Spende des Pharma-Riesen Bayer Vital GmbH für den bmt. Und Claudia Ludwig war auch dabei!
Es ist gezielt erarbeiteter Effekt der von Doggennetz.de so benannten Tierschutz-Folklore in den Medien, bei Zuschauern und Tierfreunden den Eindruck zu erwecken, jegliche Tierschutzorganisation sei schlicht nur eine Ansammlung von Tierfreunden. Punkt. Und dabei zu vergessen: Haustiere sind ein Milliardenmarkt. Und zumindest hinter den großen Tierschutzorganisationen stehen die großen Konzerne, die selbstverständlich versuchen, Einfluss zu nehmen. Und wenn die großen Tierschutzogranisationen dann bei Nachfragen zum Umfang dieses Einfluss die Auskunft verweigern wie hier oder ihre Jahreszahlen nicht offenlegen, wie der bmt hier, dann darf man skeptisch werden!

 

Boykottandrohung

Der bmt-Artikel vermittelt zumindest den Eindruck, dass die Tierschützer erstaunt darüber sind, dass sich der WDR nicht dem Diktat eines Interessensverbandes beugt, der nicht einmal 13.000 Mitglieder hat. Diese in naiver Vehemenz vorgetragene Empörung rührt fast ein wenig, denn der Leser erhält nirgends einen Anhaltspunkt dafür, dass sich der bmt seines Tuns – versuchte Einflussnahme auf die Medien – in irgendeiner Weise bewusst sei.

Und mit der bekannten weit über das Ziel hinausschießenden Energie folgt dann auch noch die Boykottandrohung: „Den Ankündigungen aller enttäuschten Fans zufolge wird die Sendung ab Mai mit großen Zuschauerverlusten zu rechnen haben, sie wird regelrecht boykottiert werden.“ (Bund gegen Missbrauch der Tiere: RECHT DER TIERE April 2012: "WDR feuert Claudia Ludwig).

Beruhigend an dieser Boykottandrohung ist das damit nach Interpretation dieser Redaktion artikulierte Eingeständnis, dass es wohl doch nicht um die Tiere geht. Denn wer boykottiert, kann nicht vermitteln.  

Dieses Eingeständnis bestätigt die von DN fortlaufend artikulierten Befürchtungen (siehe die Liste der DN-Artikel am Ende von Aua608).

Und auch der bmt wird seinen Tieren diese Chance versagen:

              

Es versteht sich von selbst, dass wir bis auf weiteres nicht an der Sendung teilnehmen werden und von einer Mitwirkung an Beiträgen absehen.
(ibid.)  

              

Gut zu wissen! Sobald der bmt dann also doch wieder in der Sendung auftritt, wäre eine sofortige Presseanfrage an den WDR notwendig, mit welchen Zugeständnissen das Ende des bmt-Boykotts erreicht wurde.

 

1,6 % bmt ohne demokratische Legitimation!

Hat dieser Tierschutzverein den Schuss nicht gehört? Bilden sich die bmt-Tierschützer allen Ernstes ein, sie könnten als vergleichsweise marginale Interessensvertretung dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen und damit allen Zuschauern, die für dieses Fernsehen Gebühren bezahlen,  ihren Willen aufzwingen? Wo ist die demokratische Legitimation des bmt dafür, dem Rest Nordrhein-Westfalens und der Republik Moderatoren-Personalien diktieren zu dürfen? Wie sieht es aus mit dem Demokratieverständnis dieser Tierschützer? Müssen diese völlig überdimensionierten Aktionen nicht auch als ein Angriff auf die Unabhängigkeit der Medien und damit die Pressefreiheit gewertet werden?

Und bei all dem ist auch nicht zu vergessen, dass der bmt schon bei den privaten Fernsehsendern und der dort – leider – prominentesten Tiersendung hundkatzemaus ganz stark mitmischt. Würde der WDR jetzt auch noch vor dem bmt in die Knie gehen, ließe sich mit Fug und Recht behaupten, dass die Behandlung des Themas Tierschutz in den Serien des  deutschen Fernsehens vom bmt und seinen, von keiner demokratisch legitimierten Institution kontrollierten Interessen bestimmt werden.  

Im Tätigkeitsbericht 2010 (S. 29) berichtet der bmt von lächerlichen 12.942 Mitgliedern. Wenn die Angaben bei Wikipedia stimmen, waren es 2008 noch 15.000. Das bedeutet, der Verein hat rückläufige Mitgliederzahlen.

Damit passt er sich aber den Einschaltquoten von Tiere suchen ein Zuhause an: In einem Bericht aus Februar 2012 ist von „kontinuierlich gesunkenen Einschaltquoten“ die Rede. 2006 habe die Sendung bundesweit noch 1,07 Millionen Zuschauer erreicht. 2011 seien es nur noch 0,82 Millionen gewesen bei sinkendem Marktanteil (4,8 auf 3,6 Prozent).

Diese Angaben passen nun ja gar nicht zur bmt-Behauptung der ach so großen Beliebtheit der Sendung bzw. seiner Moderatorin. Das kann aber auch daher rühren, dass "Beliebtheit" bei den Tierschützern nicht unbedingt kongruent zur Akzeptanz bei Zuschauern verläuft. Denn gerade das oft übermäßig rührselige und emotionale Getue ist für manche Zuschauer schwer erträglich.

Der bmt, ein Verein mit schlappen 13.000 Mitgliedern, will 820.000 Zuschauern die Personalie vorgeben? 1,6 Prozent bestimmen, welche Moderatorin der Rest (98,1 %) im öffentlich-rechtlichen Fernsehen zu sehen bekommt?

Meinen die Tierschützer das im Ernst? 





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Donnerstag, den 26. April 2012 um 10:22 Uhr
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