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Aua544: Stefan Hack: EINE Wahrheit über Hunde in der Ukraine (2)

 

{TS-Kritik}

[08.03.2012]

 

Dies ist der zweite Teil der in Aua543 begonnenen Artikelserie über die Situation der Straßenhunde in der Ukraine, wie sie Stefan Hack bei seiner Reise durch das Land erlebt und dokumentiert hat. Um den Text von Stefan Hack unzweideutig kenntlich zu machen, ist er blau gesetzt. Alle Fotos stammen ebenfalls von ihm; die Bildunterschriften jedoch wurden von der DN-Redaktion getextet. Es handelt sich um den Originaltext von Stefan Hack, der von dieser Redaktion lediglich leicht redigiert, mit Absätzen und Zwischenüberschriften versehen wurde. Auch die Stellen mit den aktiven Links wurden so vom Gastautor definiert.

 

Tierschutzsituation Ukraine – Erfahrungsbericht

„Die Augen aller Tierschützer richten sich ja derzeit auf die Ukraine, und es ist so schwierig an objektive Informationen zu gelangen. Hättest du nicht Lust …“

Nachdem Doggennetz meine „Briefe an Frau Langenkamp“ im Artikel Aua421 zitierte und verlinkte, nahm ich Kontakt auf, um neben der Verlinkung der Briefe auch um eine Verlinkung meiner Reportage über meine Zeit als ehrenamtlicher Helfer im angeblich weltgrößten Tierheim unter Leitung eben dieser Frau zu bitten. Ich beendete meine E-Mail mit den Worten: „Grüße aus Odessa (Ukraine)“. Nur wenige Stunden später hatte ich Post, welche sinngemäß mit den eingangs zitierten Worten begann.

Mittlerweile habe ich die Ukraine verlassen. Ich war über 55 Tage im Land, habe über 1600 Kilometer ukrainische Straße unter meinem Wohnmobil weggrollen lassen und hatte alles in allem ca. 25 verschiedene Wohnorte.

Jetzt sitze ich hier mit meinem Talent. Ich habe einen Gastbeitrag versprochen. Wie fange ich am besten an?

 

Kurze Vorstellung

Bevor ich beginne, einige Erlebnisse mit und über Straßenhunde zu erzählen, würde ich mich gerne kurz vorstellen. Ich denke es ist immer vorteilhaft, wenn man weiß, mit wem man es zu tun hat.

Im Grunde bezeichne ich mich nicht als Tierschützer. Ich esse Fleisch, erschlage jede Mücke, die ich erwische, ertränke Zecken erbarmungslos in einem Glas Petroleum und vertrete grundsätzlich die Ansicht,  dass Natur- bzw. Umweltschutz der entschieden nachhaltigere Tierschutz ist, als einem einzelnen Individuum zu helfen. Was ich aber habe, ist ein absoluter Hundetick, man könnte sagen: In Sachen Hunde hab ich ne Schraube locker.

Seit Anfang 2007 bin ich permanent mit meinemWohnmobil on Tour. Über meine Erlebnisse schreibe ich Reiseberichte. Da ich diesen „Hundetick“ habe, kommen immer wieder Hunde in diesen Reiseberichten vor. Mittlerweile habe ich in vier verschiedenen Tierheimen gearbeitet und dabei leider auch den ein oder anderen Missstand beschreiben müssen. Ich habe einige Zentner Futter an frei lebende Tiere verfüttert und sogar ausschlaggebend dabei mitgeholfen, ein Tier auf eigene Kappe nach Deutschland zu vermitteln.

 

Säuberungen für europäische Fördergelder?

An dieser Stelle möchte ich nun von meinen Erlebnissen in der Ukraine berichten. Vorweg: Ich habe keine staatlichen Hundefänger gesehen. Mein eigenes Tier wartete unangeleint vor Supermärkten auf mich, streunerte stundenlang alleine durch die Gegend und - es ist immer wieder zurückgekommen.

Anfänglich hatte ich ein wenig Angst um meinen Scheki. Schließlich hatte auch ich all diese Horrorgeschichten gehört. Deswegen tat ich das, was ich immer tue, um an Informationen zu gelangen. Ich fragte die lokale Bevölkerung. An einem meiner ersten Tage im Land, an der Uferpromenade Odessas, traf ich auf eine Gruppe Hundehalter, welche ihre Tiere spielen ließen. Eine junge Frau sprach englisch und ich fragte sie, wie groß denn die Gefahr sei, dass mein eigener Hund Opfer dieser Tiermörder würde. Dieses Gespräch gebe ich in meinen Reiseberichten mit folgendem Wortlaut wider:

              

“Bei nahezu Null", erhalte ich als Antwort. Meine Gesprächspartnerin zählt einige Städte auf, in welchen die Hundefänger unterwegs seien. Aber es handle sich um recht große und brutal vorgehende Truppen. Man würde sie wohl von weitem erkennen und hätte Zeit zu reagieren.
Laut meiner Gesprächspartnerin soll es diese ethnischen Säuberungen überhaupt nur deshalb geben, weil sich der ukrainische Staat europäische Fördergelder erhofft, wenn er das Problem der Straßenhunde in den Griff bekommt. Ich schüttle den Kopf und muss an Subventionen für Tiertransporte denken.

              

Laut dieser jungen Frau, welche übrigens einen Rassehund und keinen Mischling von der Straße ihr eigen nennt, sind die Probleme, über welche sich halb Deutschland erregt, also von der EU, und somit von Deutschland, einem der Hauptgeldgeber der europäischen Gemeinschaft, durch Subventionen hausgemacht.

 

Irrglauben von den Hundehassern

Ich überlasse es gerne der Doggennetz-Redaktion, den Wahrheitsgehalt dieser Worte zu be- bzw. zu widerlegen. Ich habe es so erzählt bekommen. Nachforschungen habe ich nicht angestellt. Dies liegt auch nicht in meiner Natur. Ich schreibe Erlebnisberichte, und das möchte ich auch hier tun. Ich hoffe mit meinem Worten dem allgemeinen Irrglauben entgegentreten zu können, in der Ukraine oder überhaupt im osteuropäischen Ausland gäbe es eine barbarische, hundehassende Bevölkerung.

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Stefan Hack tritt mit seinem Bericht dem deutschen Irrglauben von der hundehassenden ukrainischen Bevölkerung entgegen. Sein Hund Scheki erhält, wie hier, überall freundliche Zuwendung, wird gefüttert und sogar gegen das eigene erboste Herrchen verteidigt. Und die Zuwendung zu Hunden ist den Begleitern dieser ukrainischen Dame sogar ein Foto wert!
Foto: Stefan Hack

 

Wenn ich an dieser Stelle beginnen würde von jeder Gelegenheit zu erzählen, bei welcher mein eigenes Tier mal wieder verschwunden war und sich kurze Zeit später vor einer Metzgerei, bei einer alten Dame oder einer anderen Stelle wiederfand, wo es gefüttert wurde, das würde eindeutig diesen Beitrag sprengen. Ich war über 55 Tage im Land, und mein Hund fand fast täglich einen freundlichen Menschen, bei dem es sich lohnte, ihn anzubetteln. Oder er plünderte die öffentlichen Näpfe, welche tierfreundliche Ukrainer und Ukrainerinnen in Stadtzentren aufgestellt haben.

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Überall richten die Ukrainer Futterstellen für die Straßenhunde ein. Manchmal ist es nur eine Zeitung oder ein Stück Pappe, auf dem das Futter ausgestreut wird. Manchmal sind es verschiedene Schalen und Näpfe. Die Menschen in dem Nicht-Wohlstandsland geben nach ihren Möglichkeiten. Aber: Sie geben!
Foto: Stefan Hack

 

Ukrainer verteidigt fremden Hund

Erzählen möchte ich nur von einem Erlebnis. Es ereignete sich am 1. Januar in Yalta und verwickelte mich erst fast in eine körperliche Auseinandersetzung und bescherte mir anschließend einige Gläschen Wodka.

Ich spazierte also mit meinem Hund durch Yalta. Plötzlich war mein Tier verschwunden. Weg! Ich rief es, ich suchte es. Mein eigentlich wohl erzogener Hund dachte nicht im Traum daran, zu mir zurückzukommen. Nach etwa 10 Minuten Suche sichtete ich mein Tier. Es stand vor einer Parkbank mit Picknicktisch und ließ sich füttern.

Ich rief: „Scheki, hier!“ Mein Tier blickte in meine Richtung und wendete sich dann wieder den Knochen zu, welche in unregelmäßigen Abständen von der Tischplatte gereicht wurden. „Hier!“ Ist ein Befehl, da gibt es keine Widerrede. Ich war stocksauer und ging zielstrebig auf mein Tier zu. Dort angekommen, fasste ich es im Genick, hob es daran vor meine Augen und knurrte es an. Just in dem Moment, in welchem ich recht hastig und von hinten nach dem Fell meines Tieres griff und es recht unsanft daran emporhob, erhob sich auch der Herr, der es vor Sekunden noch fütterte und zwar auf eine Art und Weise, die Ärger versprach. Als der gute Mann erkannte, dass ich nicht vor hatte, dem Hund etwas Bösartiges zu Leide zu tun, öffnete er die Faust wieder, welche er schon geballt hatte, um den ihm völlig fremden Hund zu verteidigen.

Der Herr sprach englisch. Ich erklärte die Situation und dann waren Tierfreunde unter sich und ich bekam den bereits erwähnten Wodka angeboten.

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In einem armen Land haben Mensch und Tier unter unwirtlichen Wetterbedingungen gleichermaßen zu leiden. Dass Straßenhunde aber auch bei Schnee Wasser brauchen, daran denken die ukrainischen Hundefreunde und stellen ihnen das Angebot bereit. Dieses Stillleben wirkt bescheiden und hilflos, wackelig und ärmlich. Aber dieses rührende Arrangement zeigt, welchen Stellenwert Straßenhunde in der Ukraine bei der Bevölkerung haben.
Foto: Stefan Hack

 

Silvester in Yalta

In Yalta verbrachte ich auch die Silvesternacht. Silvester ist wohl der Tag, an dem sich alle Hunde fürchten. Alle, bis auf meinen eigenen. Dem ist die Knallerei egal, und so begab ich mich mit meinem Tier in das dickste Getümmel, das ich finden konnte. Auf einem großen Platz in Meeresnähe spielten Livebands, Großbildleinwände waren aufgebaut. Kurz und knapp: Dort stieg eine Open-Air-Party. Grob geschätzte 1.500 Menschen hatten sich dort versammelt, um gemeinsam das neue Jahr zu begrüßen. Wie es sich für so einen Tag gehört, selbstverständlich stark alkoholisiert und natürlich mit unendlich viel Geböller.

Wenn auf diesem Platz nicht gerade Silvester gefeiert wird, dann finden dort Märkte statt und, wie eigentlich überall in der Ukraine bzw. im gesamten osteuropäischen Raum, leben dort wilde Hunde. Tagsüber leisten sie den Markthändlern Gesellschaft, lassen sich von diesen füttern und streicheln oder sie ziehen frei über das Gelände und betteln Einkaufende nach Leckereien an. Nachts sind die Tiere auf sich alleine gestellt. Oftmals finden sich provisorisch zusammengeschusterte Hütten aus Pappkartons oder auch aus Holz am Rand so eines Marktes. Dort gibt es auch Wasserschälchen und es werden immer wieder Lebensmittelreste dort entsorgt, über welche sich die Tiere freuen.

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Auf den Marktplätzen leben Straßenhunde. Das Zusammenleben mit den Händlern ist teilweise symbiotisch. Dieser Markthändler jedenfalls hat sich freundschaftlich mit seinem vierpfotigen Nachbarn arrangiert. Im Übrigen fällt auf, dass der nicht gerade kleine Hund relativ gut aussieht.
Foto: Stefan Hack

 

Die hier wild lebenden Hunde sind, so meine Erfahrung, in den seltensten Fällen vollkommen auf sich alleine gestellt. Sie haben zwar keinen „Besitzer“ im eigentlichen Sinne, aber unzählige Leute, die im Kollektiv ein wenig auf sie achtgeben.

 

Straßenhunde erhalten Obdach im Wachhäuschen

Jetzt rückte jedenfalls das neue Jahr immer näher und die ersten Böller wurden gezündet. Ängstlich suchten die Tiere Schutz. Zwei Hunde flüchteten sich vor das Wachhäuschen eines Schrankenwärters. Ich sah deutlich, wie der Sicherheitsbeamte die Türe seines etwa 1,5 Mal 1,5 Meter großen Verschlages öffnete, um die Tiere einzulassen. Da im Inneren des kleinen Wachhäuschens eine Lampe brannte, konnte ich auch gut beobachten, wie sich die zwei „wilden“ Hunde auf den Schoß des Wachmanns verkrümelten und sich hinter dem Ohr kraulen ließen.

Ein dritter Hund fand bei einer alten Dame Unterschlupf. Die gute Frau war wohl ein wenig zu alt für die Knallerei und ich hatte den Eindruck, dass sie eigens für die Tiere an diesen Ort gekommen sei. Zumindest hatte sie Unmengen von Futter dabei, an welchem sich auch mein Scheki gütlich tat. Sie saß auf einer Steintreppe, das verängstigte Tier krabbelte fast in sie hinein und verweigerte vor lauter Angst sogar die Futteraufnahme. Scheki war da anders und ich eigentlich ganz froh darüber, mein Tier dort in Sicherheit zu wissen, denn ich hatte einige Freunde kennen gelernt, mit welchen ich kräftig einen über den Durst getrunken hatte.

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Vermutlich hat diese Dame keinen Facebook-Account, auf dem sie sich ihrer beeinruckenden Tierliebe rühmen kann? Kleidung und Schuhwerk deuten auf eher bescheidene Lebensverhältnisse hin. Doch sie gibt hin. Sie gibt ab. Sie füttert Straßenhunde. Mit welchem Recht eigentlich wagen es deutsche Tierfreunde und sich permanent aus einem Rahmen existenziellem Überflusses heraus selbst produzierende Tierschützer, solche Menschen und ganze Nationen als "Motherfucker", "Mörder" und was der Verbalinjurien mehr sind, zu beleidigen, zu schmähen und auf sie herabzuschauen? Krachmachende Maulhelden!
Foto: Stefan Hack

 

Fremder Hund wird im eigenen Auto in Sicherheit gebracht

Ein weiterer Hund hatte keine Angst vor den Knallern. Er betrachtete das als ein lustiges Spiel und lief den Dingern laut bellend hinterher. Ich hatte Angst um das Tier. Wenn ihm ein solcher Böller im Maul explodiert, dann hatte er die längste Zeit ein Maul. Ich fasste den Entschluss, das Tier einzufangen und vorübergehend anzuleinen. Leichter gesagt als getan. Am Ende hatte ich den Kerl. Er riss und zerrte an der Leine, er schrie, als wolle ich ihn abschlachten. Er war halt ein frei lebender Hund, eine Leine kannte er nicht. Eine Gruppe Menschen stand vor ihrem alten Lada. Auf der Motorhaube hatten sie ein wenig Fingerfood drapiert und eine Flasche Krimsekt ging die Runde.

Recht unfreundlich sprachen mich die Menschen an. Ich verstand kein Wort, schließlich bin ich der russischen Sprache nicht mächtig. Aber mein Freund übersetzte und erklärte den Leuten, dass es nicht mein Hund sei und ich ihn nur anleine, damit er nicht die Böller jagt. Mir erklärte er, dass diese Menschen überhaupt nicht verstünden, wie ich mit meinem ängstlichen Tier hierher kommen konnte. Die Angelegenheit war geklärt und Sekunden später verschwand der Hund zusammen mit etwas Fingerfood auf der Rückbank des Ladas. Gut für mich, denn es war Silvester und ich wollte eigentlich viel lieber saufen, als mich dem Tierschutz zu widmen.

Den Tierschutz übernahmen jetzt andere Leute für mich und da sie ein Auto dabei hatten, in welchem sie das Tier einsperren konnten, konnte ich mich mit meinen neuen und alten Freunden ganz ungehindert dem Alkoholgenuss widmen.

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Ein Hund im Rotlicht-Milieu ... Okay, mieser Kalauer! Aber das Leben auf der Straße ist kein Zuckerschlecken; das will niemand bestreiten. Doch offensichtlich findet sich allemal ein trockenes und wie hier zu sehen auch sauberes Plätzchen, wo hund sich zusammenrollen und die Nacht verbringen kann. Emotional überqualifizierte Tierschutzdamen wird dieses Bild schon wieder Tränen in die Augen treiben; Tränen, zu denen sie nicht fähig sind, wenn Menschen am Straßenrand auf dem Boden liegen. Und ob sich die Situation dieses Hundes wirklich verbessert, wenn er von Übereiferern eingefangen und nach Deutschland geschleppt wird, das steht dahin, wenn man an die einschlägigen Gnadenhöfe, Zarenhöfe & Co. denkt.
Foto: Stefan Hack


Ende Teil 1 des Erfahrungsberichts von Stefan Hack.


Fortsetzung: Aua546 und Aua549.





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Donnerstag, den 08. März 2012 um 18:36 Uhr
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