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Aua300: Gastbeitrag von Yera Halabi: Pro Auslandstierschutz und pro Ehrlichkeit

{TS-Kritik}

Als Leserzuschrift zu Aua279 erreicht die Redaktion das Textangebot von Yera Halabi.

Das Besondere daran: Der Text ist NICHT neu! Er stammt aus dem Jahr 2009. Aber wie die Autorin desillusioniert betont, hat er nichts von seiner Aktualität verloren.

Die Doggennetz-Redaktion dankt Yera Halabi für die Abdruckerlaubnis inklusive der Bilder.


                      

         Pro Auslandstierschutz  

     ... aber bitte auch
 
         Pro Ehrlichkeit und verantwortungsvollem Handeln!

ein Gastbeitrag von Yera Halabi
   

                
              

Keine Frage, ich befürworte den Auslandstierschutz und engagiere mich darin seit gut 15 Jahren aktiv.
Fast 14 Jahre lang habe ich das Elend vorort in Spanien erlebt und weiß, dass nicht nur in Spanien, sondern überall, auch in Deutschland, Hilfe und Veränderung dringend nötig ist.

Seit nun knapp zwei Jahren wieder in Deutschland, beobachte ich den Auslandstierschutz nun aus einem neuen Blickwinkel und bin, gelinde gesagt, mehr als erschrocken und auch abgeschreckt.

Tagtäglich erreichen mich Hilferufe von diversen Verteilern in beinahe gleich lautendem Tenor:

„XXX Hunde haben nur noch XXX Tage zu leben!“
„Wunderschöne Hunde und Katzen in der Tötung, bitte helft ihnen!“
„Tötungstag am xx.xx., bitte helft uns diese Hunde und Katzen dort heraus zu holen!“


Dazu herzergreifende Fotos die das ganze Elend offenbaren. Welcher Tierfreund möchte da nicht wirklich gerne sofort ein Plätzchen für wenigstens eine dieser armen Kreaturen schaffen und bietet sofort Hilfe an!? 

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Demotivierende Selbstverständlichkeit

Viele Kollegen taten es und ich auch!
Aber, oftmals kommt nicht einmal mehr eine Rückmeldung …
Klar, bei so vielen Zuschriften ist es sicher nicht immer möglich, die Einzelnen zu informieren. Aber warum dann bei Entwarnung nicht auch einmal die Verteiler bemühen?

Einige Wenige tun das auch, aber vom Großteil hört man erst dann wieder, wenn der nächste Aufruf folgt.

Solche Erfahrungen machen traurig und nehmen die Freude daran, nochmals Hilfe anzubieten.

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Zweifelhafte Methoden

Am übelsten aber stößt mir auf, wenn ich beobachten darf, wie beinahe wöchentlich neue „Organisationen“ wie Pilze aus dem Boden schießen und nicht selten mit doch sehr dubiosen Methoden so genannten Tierschutz betreiben wollen.

Das liest sich dann folgendermaßen:

„xxx Hunde und xx Katzen haben nur noch 5 Tage zu leben, bitte helft uns zu helfen!“

"Wir suchen dringend Pflegeplätze und Geldspenden, um die Tiere Vorort rauszukaufen, eine Tierpension und den Transport zu bezahlen!"
 
Und auch hier wieder reichlich Fotomaterial, aber keinerlei Hinweis auf die einzelnen Tiere, weder das Geschlecht, ein wenigstens ungefähres Alter oder die Größe wird benannt, geschweige denn auch nur das Nötigste zum Wesen des einzelnen Tieres.


Vorprogrammiertes Desaster

Wen wundert es da noch, dass dann häufig die nächsten Rundmails folgen.

„Bitte dringend helfen, der arme XY muss sofort aus seiner Pflegestelle!“

Natürlich sind dann stets die Pflege- oder Endstellen die Schuldigen, die nicht bereit sind, sich geduldig eines Tieres anzunehmen mit dessen Problemen, eventueller Unverträglichkeit, Bissigkeit, Angst oder Unsicherheit sie erst bei Übergabe konfrontiert wurden und mit dem sie einfach überfordert sind!

Diese Tiere finde ich dann auf Tiervermittlungsseiten wieder, angeboten von ein und derselben Organisation für eine Schutzgebühr von 280,00 bis zu 450,00 Euro! 


Spenden im Nebel

Wo bitte gehen diese Gelder hin, wenn beim nächsten Aufruf wieder um Spenden für Freikauf, Unterbringung und Vorbereitung gebettelt werden muss? 

Es ist ja durchaus zu verstehen, wenn z. B. für eine aufwendige Operation oder andere Notfälle ein Spendenaufruf gestartet wird, aber in solchen Vermittlungsfällen muss sich die Organisation durch die Schutzgebühren tragen! Wer Gewinne erwirtschaften will, ist im Tierschutz sicherlich fehl am Platze!

Aber es scheint eben zu funktionieren, denn noch während die Tiere auf den Pflegestellen sitzen und auf ihr endgültiges Zuhause warten, ist bereits der nächste Transport am Start und das ganze Spiel beginnt von vorne ...


Tierhandel ohne Skrupel

Aber auch von so genannten Auffangstationen, die oft nichts anderes als bloße Vermittler sind, wird oft die Notsituation der Helfer aus den verschiedenen Ländern mehr als skrupellos ausgenutzt.

Wie ich beobachten konnte, geben diese - nur um überhaupt Platz schaffen zu können für die unaufhaltsam ansteigende Flut von Neuankömmlingen - die Hunde sogar an diese Stationen und Vermittler, ohne dass ihnen ihre Kosten auch nur teilweise ersetzt werden.

Die Tiere werden von diesen Vermittlern dann meist auch noch in Pflegestellen untergebracht, die dann für die Versorgung der Hunde aufkommen und letztlich taucht der Vermittler dann nur noch auf, wenn das Tier vermittelt wird und die Schutzgebühr zu kassieren ist!

Keine Frage, von dieser Gebühr wird wenig oder gar nichts an den ursprünglichen Verein im Ausland abgeführt.

Für mich ist das Tierhandel und hat mit Tierschutz aber auch überhaupt nichts zu tun!

Solche Praktiken sind ein Schlag ins Gesicht aller verantwortungsvoll arbeitender Tierschutzorganisationen und Vereine!


Seriöses Vorgehen

Wie ich es aus eigener Erfahrung und von seriösen Organisationen kenne?

Da werden die Tiere aufgenommen oder aus den Perreras geholt und selbst aufgenommen oder in Pflegestellen, Auffangstationen untergebracht. Die Tiere  werden tierärztlich versorgt, geimpft, gechippt und getestet.

Sie werden beobachtet, um sie entsprechend beschreiben und vermitteln zu können.

Sie werden mit anderen Hunden, mit Katzen zusammengebracht, um die Verträglichkeit abzuchecken.
Hier wird beobachtet, ob sie ängstlich, unsicher sind und welche Toleranzgrenze sie haben.
Man bemüht sich herauszufinden, ob sie evtl. vor Männern oder Frauen Angst haben, ob man sie gut zu Kindern vermitteln kann usw. usf.

Und vor allen Dingen: Sie werden gepäppelt und gepflegt.


Seriöser Tierschutz OHNE Mitleidsfaktor

Aber da liegt auch schon der Hase im Pfeffer, denn damit fällt auch der verkaufsfördernde Mitleidsfaktor weg!  Ein gesund und fröhlich wirkender Hund mit gepflegtem Fell, vielleicht sogar auch noch auf dem Sofa oder in einem schönen Körbchen sitzend, rührt natürlich nicht so wie ein struppiges Etwas, das traurig hinter Gittern und auf verkotetem Betonboden sitzend abgebildet wird! 

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Mitleid kann niemals ein vernünftiger Vermittlungsberater sein, egal wie sehr uns Einzelschicksale der Tiere auch rühren. Es kann sein, dass das Tier aufgrund seiner Vergangenheit in bestimmte Familienkonstellationen einfach nicht passen wird.

Ebenso verführt das Wissen um die traurige Vergangenheit eines Hundes dazu, ihn nur noch zu betütern, ihm weder konsequente Erziehung zu geben noch ihm Grenzen aufzuzeigen. Unter Umständen kann das fatale Folgen für die neuen Besitzer und für das Tier haben. Der Hund kann plötzlich eine nicht vermutete Dominanz zeigen, die ganze Familie in Schach halten und den Sofa- oder Bettplatz für sich beanspruchen. Probleme sind da oft vorprogrammiert und nicht selten heißt es dann wieder: Endstation Tierheim!

Dem gesamten Auslandstierschutz ist damit ein Bärendienst erwiesen, denn wenn sich eine Familie nach solchen Erfahrungen von einem Tier trennen muss, wird es kaum heißen: Die Vermittlung von Verein X oder der Orga Y war nicht in Ordnung. Eher wird wieder einmal pauschal davon ausgegangen, dass Tiere aus dem Ausland unberechenbar und die Vermittler unredlich sind.

Bitte nicht falsch verstehen, auch ich möchte, dass so viel Tiere wie nur möglich ihren Weg aus diesen Perreras finden und endlich ein lebenswertes Dasein in einer Familie führen dürfen, aber dann sollen diese Tierschutzleute auch die Verantwortung übernehmen und sich selbst um diese Hunde und Katzen kümmern! 


Unredlich dramatisierende Vermittlungstexte

Ebenso wäre es vielleicht nicht ganz so dramatisch, wenn ehrliche Vermittlungstexte geschrieben würden. Es gibt schon verdammt viel Elend und Grausamkeiten, da sollte nicht auf Teufel komm raus Schlimmstes in ein Tier interpretiert werden.

Aber was ich oft in diesen Texten lesen darf, lässt doch Spekulationen auf ein gehobenes Maß an Phantasie und Dramaturgie zu.

Da wird ein armer Hund aufgegriffen, der sich in Stacheldraht verfangen hat. Wer Spanien kennt, weiß, wie achtlos solche Materialien irgendwo hingeschmissen werden und wie schnell es dazu kommen kann, dass sich ein Tier darin verheddert.

Das an sich wäre ja schon schlimm genug und für das Tier dramatisch.

Aber nein, da wird dann geschrieben und behauptet, dass der böse Besitzer das Tier absichtlich in Draht eingewickelt habe und dass der arme Hund wochenlang damit herumgeirrt sei!

Warum hat dann der Beobachter dieser Szene nicht eingegriffen und das Tier erst wochenlang herumirren lassen?

In den wenigsten Fällen weiß man wirklich welches Schicksal die Tiere hatten. Man kann viel vermuten und einiges aus dem Verhalten der Tiere ableiten, aber ich staune stet,s wenn ich lese, wie konkret doch so viele Leute genauestens zu wissen scheinen, was den Tieren widerfahren ist.

Hier noch ein kleines Beispiel dazu um deutlich zu machen, was gemeint ist:


Keine Vermittlungschance ohne Drama?

Unser Butch wurde aufgrund seiner Verhaltensauffälligkeiten hier im Rudel gemobbt und auch zwei Mal übel gebissen. Auf unseren Hilferuf hat sich von Dezember 2008 bis heute nicht ein einziger Mensch gemeldet, der bereit war, unserem Butch ein Zuhause als Einzelhund zu geben. 

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Ich bin sicher, hätte ich diese Bilder von Butch mit eingestellt und behauptet, dieser arme Hund sei zu Hundekämpfen missbraucht oder von seinem spanischen Besitzer misshandelt und von uns gerettet worden, wir hätten ihn noch mehrmals klonen müssen, um allen Interessenten gerecht zu werden.

Bitte helfen Sie weiterhin ausländischen Hunden, aber schauen Sie genau, woher Sie ein Tier holen!

Überlegen Sie sich in Ruhe, welchen Anspruch sie an einen Hund haben, was Sie von ihm erwarten und was Sie ihm geben können.

Lassen sie sich ausführlich beraten und achten Sie darauf, wie viel Ihnen ein Vermittler zum Wesen des Tieres sagen kann. Klären Sie im Vorfeld ab, welche tierärztliche Versorgung veranlasst wurde und ob bei Tieren aus dem Süden auch der ausführliche Mittelmeercheck gemacht wurde und nicht nur der unzuverlässige Schnelltest!

Vermeiden Sie es, ein Tier von einem Massentransport zu übernehmen!

Kein Tierheim, kein Tierschützer, kein Züchter kann Ihnen jemals eine 100%ige Garantie für ein Tier und seine Entwicklung geben.

Nur auf dem Gefühl, dass Ihr Vermittlungspartner alles für Sie und Ihre Sicherheit, Ihre künftige Freude an dem neuen Familienmitglied tut, da sollten Sie bestehen können!

Yera Halabi

              

 





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Freitag, den 09. September 2011 um 18:38 Uhr
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