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Aua298: Kritik zu Spiegel-TV "Tiermessies"

{TS-Kritik}

 

Beeindruckend war die Dokumentation von Spiegel-TV Tiermessies – Wenn Tierliebe außer Kontrolle gerät gestern Abend in VOX allemal. Zielgruppe der Sendung ist das Durchschnittspublikum ohne Insiderkenntnisse zur Tierschutzszene. Und nicht nur dem dürfte es eiskalt den Rücken hinuntergelaufen sein, als der Bagger den Doggenrüden „Zar“, Namensgeber der Stätte unabschätzbaren Tierleids <Zarenhof>, aus der Erde hob.

 

Einzelschicksale statt Strukturen

Aber selbst wenn man diese große und undifferenzierte Zielgruppe berücksichtigt, nein, gerade wenn man diese große und undifferenzierte Zielgruppe berücksichtigt, hat die Doku nicht das geleistet, was sie hätte leisten können. Denn das Phänomen als solches – Animal Hoarding und seine Varianten – ist nur der Ausfluss eines weit reichenden pathologischen Verständnisses von Tieren und Tierschutz und der „guten Tat“ in der Gesellschaft. Dieses kondensiert dann bei den Individuen, die hinter den einzelnen Skandalen stehen.

Der Fokus dieser Spiegel-TV-Sendung lag – teilweise klar voyeuristisch – bei den Einzelschicksalen. Eine Durchleuchtung der ursächlichen Strukturen erfolgte nicht. Damit war die Sendung wenig hilfreich (für die Lösung des dahinter stehenden Problems), aber extrem spektakulär.

 

Verschiedene Qualitäten

Die verschiedenen, in der Doku behandelten Fälle gehören zwei grundsätzlich von einander geschiedenen Kategorien an:

Auf der einen Seite stehen die Fälle des privaten Animal Hoarding. Hierzu gehören Frank Uwe S. mit den Kaninchen, der berühmte Vogel-Rentner und die wehrhafte Katzen-Sammlerin, die einem das gesamte Treppenhaus verstopfenden Aufgebot von Veterinärbeamten, Polizisten und Tierschützern trotzt.

Wie auch in der Sendung mehrfach hervorgehoben, ist Animal Hoarding eine Krankheit. Animal Hoarder sind krank. Die unglaublichen Massen an Tieren produzieren sie selbst und vor Ort.

Die Fälle – wie zum Beispiel die 1.700 Vögel in einer Rentnerwohnung – sind zwar beeindruckend. Aber ihre Darstellung reicht wenig über die Befriedigung voyeuristischer Bedürfnisse hinaus. Im günstigsten Fall wird der eine oder andere Zuschauer für den Zusammenhang zwischen Tiermenge und Tierleid sensibilisiert.

Die Fälle sind abzuhaken. Mehr als die psychotherapeutische Behandlung der Erkrankten, ein lebenslanges Tierhalteverbot und engmaschige Kontrollen der Haltungsstätten ist nicht zu tun.

 

Tierschutz-Tiermessies

Für den Bereich der Tierschutzkritik eine davon komplett geschiedene Qualität stellen die Tierschutz-Tiermessies dar. Schade, dass die Doku die gesamte moralische Last auf den Exponenten der beiden in diese Kategorie gehörenden Fällen ablud: auf Gesa K. und Sylvia P.

Für den Durchschnittszuschauer nicht wirklich deutlich wurde im Fall <Zarenhof> der unmittelbare und zwingende Zusammenhang mit der Tierschutzszene. Es kam für Nichteingeweihte nicht verständlich heraus, dass die meisten Tiere von Tierschützern auf den Zarenhof gebracht wurden. Und es wurde auch nicht deutlich, dass es Tierschützer waren, die Gesa K. halfen, die Hunde knapp vor der Beschlagnahmung wegzuschaffen.

Für Nichteingeweihte auch nicht deutlich wurde der direkte Zusammenhang zum Auslandstierschutz und den stetig steigenden Massen an Tieren/Hunden, die ins Land gebracht werden.

Die von Sonja Zietlow verkündeten Kernwahrheiten über das Retter-Syndrom und seine psychischen Auswirkungen hätten viel breiteren Raum verdient. Die Grundstücksbesitzerin sprach sehr erregt, auch wenn das angesichts der Bilder (und den für den Zuschauer nicht wahrnehmbaren, aber vermutlich noch viel schlimmeren Gerüchen) verständlich ist. Dabei benannte sie den zentralen Wirkmechanismus im Retter-Wahn: die den Aktivisten zufließende Energie und Aufmerksamkeit, die sie in ihrer Märtyrer-Rolle als unermüdlicher Tierretter genießen. Das ist der Sprit, der den Retter-Karren am Laufen hält!

 

Schlimmeres als der Tod

Gleichfalls untergegangen dürfte das wichtige und auch schon an früherer Stelle (z. B. auf der BeschützerInstinkte-Website) geäußerte Diktum von Sonja Zietlow sein, dass es für Tiere Schlimmeres als den Tod gibt.

Zwar steht sie mit dieser Ansicht nicht allein. Aber die anderen Umstehenden trauen sich nicht, diese unpopuläre Wahrheit so offen zu sagen. Deshalb wäre eine Doku wie Tiermessies  ein guter Ort gewesen, diese wichtige These breiter aufzustellen.

 

Die Rolle der Behörden

In allen dargestellten Fällen außer <Zarenhof> kamen die Behörden gut weg. Wobei man hier die Kausalitäten nicht verwechseln sollte: Die Filmaufnahmen gab es nur, WEIL die Behörden intervenierten.

Wo die Behörden nicht einschreiten, gibt es auch keine Filmaufnahmen. Damit sind solche Fälle für das Fernsehen uninteressant, auch wenn es die interessantesten Fälle sind.

Der Hundeprofi Martin Rütter formulierte in eleganten Wendungen, dass nicht tätig werdende Veterinäre wie im Fall <Zarenhof> auch juristisch zur Verantwortung gezogen werden müssten.

Auf welchem schmalen Grad die Veterinäre jedoch schreiten, davon war die Rede nicht. Wer lange genug in der Sphäre recherchiert, weiß, dass vielen Amtstierärzten sowohl von ihren Landkreisen wie auch von den Ministerien Maulkorb und Handfesseln angelegt werden. Weiß der Durchschnittsbürger, dass die beschlagnahmenden Landkreise dann zunächst einmal die gesamten Kosten der Aktion tragen müssen? In diesen Zeiten klammer kommunaler Kassen? Weiß der Durchschnittsbürger, wie oft die Gerichte später diesen Veterinären in den Rücken fallen, was das Ende der Beamtenkarriere sein kann?

Die Dokumentation lässt entscheidende Aspekte völlig außen vor. Dazu gehört zum Beispiel derjenige der Unterbringungsmöglichkeiten. BEVOR Veterinärämter tierquälerische Tierhaltungen auflösen können, müssen sie erst einmal die entsprechenden Unterbringungsmöglichkeiten schaffen. Bei Hunden ist das noch relativ einfach. Bei verwilderten Hauskatzen wird das schon schwierig bis unmöglich, denn für diese gibt es de facto keine tiergerechte Lösung. Noch übler wird es bei Pferden oder Wildtieren. Doggennetz ist der Fall einer behördlich geduldeten Haltung von Waschbären bekannt, ohne dass die Betreiber eine entsprechende Erlaubnis dafür hätten. Die Haltung wird allein deshalb geduldet, weil die Behörde nicht weiß, wo sie die beschlagnahmten Wildtiere unterbringen soll.

 

Gefehlt: Nicht-Gnadenhof Momo

Das schlimmste Manko jedoch dieser Spiegel-TV-Sendung war das komplette Fehlen des größten und in seinen zahlreichen Folgen viel  weitreichenderen Tiermessie-Skandals der Bundesrepublik Deutschland: das Fehlen des Falls „Gnadenhof“ Momo.

Natürlich fehlte er, denn exakt an diesem Fall hätte man die Komplexität des Themas darstellen können. Aber Komplexität ist nicht das, was ein Privatsender am Samstagabend seinen Zuschauern zumuten möchte.

Am Fall Nicht-Gnadenhof Momo wäre darstellbar gewesen, was einem Veterinär und seinem Landkreis passieren kann, wenn er gegen eine zumindest von kleinen Teilen der Tierschutzszene hochgehaltene angebliche Tierschützerin vorgeht.

Am Fall Nicht-Gnadenhof Momo wäre die Pathologie der Tierschützerszene eindrücklich herauszumeißeln gewesen: Die Aktivitäten von Individuen, die sich hartnäckig selbst des Tierschutzes zeihen und den Betreibern des Nicht-Gnadenhofes nach wie vor die Stange halten und alle diejenigen mit anonymen Anrufen, Branddrohungen, Strafanzeigen, strafbewährten Unterlassungserklärungen etc. pp. bombardieren, die nicht ihrer Meinung sind.

Der Fall Nicht-Gnadenhof Momo hat zumindest hinsichtlich der Haltungsbedingungen dieselbe Qualität wie der <Zarenhof>. Das ist durch öffentlich einsehbare amtliche Dokumente bewiesen (vgl. Aua260). Was in den verschiedenen Experten-Voten zum unsäglichen Stress in Hunde-Großgruppen und der vernachlässigenden Hälterung verwilderter Katzen gesagt wurde, trifft ohne Abzüge auf den Nicht-Gnadenhof zu. Für die Hunde ist der Fall dort – zumindest momentan – erst einmal erledigt. Für die Katzen und viele weitere Tiere dauert er unvermindert an.

Hier hätte Spiegel-TV zeigen können, welche enormen Kosten ein energisches Einschreiten des Landkreises zugunsten der Tiere produziert. Hier hätte Spiegel-TV dokumentieren können, welchen Wust an verwaltungs- und strafrechtlichen Verfahren ein einziger Tiermessie-Fall nach sich ziehen kann.

Schade auch, dass Sonja Zietlow ihre Prominenz nach Wissen der Redaktion bisher noch nie und in keiner Weise für den spektakulären Fall im Landkreis Diepholz eingesetzt hat, der sich vom <Zarenhof> durch einen entscheidenden Punkt unterscheidet: In Dörrieloh hält das Tierleid immer noch an!

Ist es kein Hingucker für Spiegel-TV, wenn es einen eingetragenen, von der Allgemeinheit mit dem Steuerprivileg der Gemeinnützigkeit ausgestatteten Tierschutzverein gibt, der für diesen Nicht-Gnadenhof mit amtlich dokumentiertem, nur schwer erträglichem Tierleid auch noch Spenden sammelt?

 

Szene ohne Lerneffekt

<Zarenhof> ist fast schon ein alter Hut. Seine Doubletten sind flächendeckend über die Bundesrepublik verteilt. Irgendwelche Hinweise darauf, dass die Tierschützer-Szene aus dem Skandal <Zarenhof>, welcher das Kernstück der Spiegel-TV-Doku ausmachte, gelernt habe, gibt es nicht.

Beispiel? Stray einsame Vierbeiner e. V. (vgl. Aua292) ist auch ein Verein, der mindestens einen Hund auf den <Zarenhof> gebracht hatte. Den Aufenthalt dort hat „Thanos“ nicht überlebt.

Wieder und wieder hebt die Spiegel-TV-Doku das Kriterium der psychischen Krankheit der Animal Hoarder und Tiermessies hervor.

<Zarenhof> liegt gut ein Jahr zurück. Und Stray einsame Vierbeiner e. V. gibt heute Hunde auf einen anderen Gnadenhof, deren Betreiberin sich selbst auf ihrer Website ausführlich über ihre psychische Krankheit äußert (vgl. Aua275 und Aua276). Als hätte es den <Zarenhof> und seine Lehren und das Thema Animal Hoarding mit seinen Definitionen nie gegeben ...


Fazit

Der Skandal <Zarenhof> hat nichts geändert in der Tierschützer-Szene. Nach wie vor werden ungeeignete Pflegeplätze, Gnadenhöfe und Endstellen bestückt, wo die Tiere verdursten (vgl. Aua161), verschimmeln (Aua245), unqualifiziertem Betreuungspersonal entlaufen (vgl. Aua104) und todkrank im freier Wildbahn von Maden zerfressen werden (vgl. Aua295), als hilflose gelähmte Bündel bis zu ihrem Tod als Spendenmagnet herumgezerrt werden (vgl. Aua275) und auch sonst alle Schattierungen von der Qual erleiden müssen, die Sonja Zietlow mit „schlimmer als der Tod“ bezeichnet.

Die Spiegel-TV-Doku Tiermessies hat viele Chancen dazu vergeben, an dem hinter diesem gruseligen Phänomen stehenden Problem irgendetwas zu ändern!

Und solange zentrale Tiersendungen wie HundKatzeMaus oder die WDR-Sendung Tiere suchen ein Zuhause

---> völlig unkritisch die GUTE TAT propagieren statt sie zu definieren und zu deklinieren,
---> Tierhalter und Tierfreunde wie Schwachsinnige oder Kleinkinder ansprechen,
---> den Tierschutz und seine anspruchsvollen Aufgaben verkitschen und simplifizieren,

werden mit schöner Regelmäßigkeit Filmteams aufbrechen können, um die Exzesse einer pervertierten Tierliebe mit garantiertem Gruseleffekt dokumentieren zu können.

 

Bei dieser TV-Kritik wurde jetzt komplett das Faktum außen vor gelassen, dass sich eine Redaktion wie Spiegel-TV über weite Strecken des Filmmaterials und des Personals eines Vereins Aktion Tier bedienen muss, gegen den die Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion Trier 2008 im  Bundesland Rheinland-Pfalz ein Sammlungsverbot aussprach, weil es „erhebliche Zweifel an einer einwandfreien und zweckentsprechenden Verwendung der Spendengelder“ (Wikipedia) gebe. Die Spiegel-TV-Redaktion präsentiert eine Tierschutzorganisation, die vom Fernsehmagazin Zapp als kommerziell ausgerichtete bezeichnet wird, deren ehrenamtlichen Vorsitzenden monatliche Vergütungen von rund 6600 Euro erhalten sollen (ibid.). Die Dokumentation wirbt ausführlich für einen Verein, vor dem aktuell die Verbraucherzentrale Mühlheim warnt (vgl. Aua268)  und der sowohl mit seinem Gesamtprofil (vgl. Wikipedia) wie mit seiner Geschichte nicht in das ohnehin dürftig bestückte Areal seriöser Tierschutzorganisationen jenseits aller Zweifel gehört.

Die beste Pointe zum Schluss: Ausgerechnet Aktion Tier wird als Kooperationspartner des oben schon einmal zitierten <Gnadenhofes> aus Aua275 benannt, dessen Betreiberin sich ausführlich und länglich auf ihrer Website über ihre psychischen Befindlichkeiten äußert und wirklich schauerliche Dinge mit gelähmten Hunden veranstaltet, wie Aua275 ausführlich zitiert.

 





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Sonntag, den 04. September 2011 um 10:52 Uhr
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