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TL45/15: Affenversuche Tübingen: Lesenswerter Artikel in der Stuttgarter Zeitung

 

[06.02.2015]

Im eskalierenden Streit über die Affenversuche am Tübinger Max-Planck-Institut für biologische Kybernetik (MPI)  arbeitet die Stuttgarter Zeitung in dem lesenswerten Artikel „Kaum Zwischentöne in der Debatte“ die verschiedenen Argumentationsstränge heraus. Neue Aktualität hatte die Diskussion durch eine Hausdurchsuchung im MPI bekommen (vgl. TL36/15).

Alexander Mäder legt in seinem Artikel den Finger in die Wunde der Maximalforderung der Tierrechtler:

              

Paragraf 8 des Tierschutzgesetzes sieht vor, dass genehmigte Experimente mit Tieren nachträglich ein zweites Mal bewertet werden können, um daraus zu lernen und den Tierschutz zu verbessern. Christina Beck, die Sprecherin der Max-Planck-Gesellschaft, sieht darin ein sinnvolles Instrument. Doch die Debatte über die Experimente mit Affen an einem der Tübinger Institute der Gesellschaft läuft anders. In dieser Debatte kommt man nicht dazu, über die ethischen Grenzen von Tierversuchen zu sprechen, vielmehr scheint sich alles um die Forderung zu drehen, Tierversuche in der Forschung grundsätzlich zu verbieten – so, wie das Gesetz Experimente in der Erprobung von Kosmetika ausschließt.

(Stuttgarter Zeitung 05.02.15: Affenversuche in Tübingen – Kaum Zwischentöne in der Debatte)

              

 

Im weiteren Verlauf geht der Beitrag auf den Interpretationsstreit zu den Filmaufnahmen der SOKO Tierschutz ein sowie auf die Drohungen und Sanktionen gegen die MPI-Mitarbeiter. Anders als im Spiegel-online-Artikel vergangene Woche wird die SOKO Tierschutz und Friedrich Mülln namentlich genannt. Müllns Verteidigung im Hinblick auf die Urheber dieser Drohungen wird dabei gut verständlich paraphrasiert: „die Forscher könnten an sich selbst geschrieben haben, um sich als Opfer zu stilisieren“ (Quelle). Mäder lässt diesen Vorwurf sehr professionell in seiner Ungeheuerlichkeit unkommentiert stehen. An dieser Stelle darf an die Solidaritätsadresse von Friedrich Mülln zu einem militanten Tierrechtler erinnert werden (vgl. dazu Aua1503).

 

Doggennetz.de-Senf:

Der Stuttgarter Zeitung fehlen – begründet – also die Zwischentöne in der Diskussion um die Affenversuche in Tübingen? Stimmt. Dann bleibt nur die Frage, wer denn für diese „Zwischentöne“ zuständig wäre? Diese Redaktion liest aus Mäders Artikel heraus, dass dieser Vorwurf an die Tierrechtler ergehe? Das ist aber nach Meinung dieser Redaktion nicht zutreffend. Schon aus deren Selbstverständnis und ihrer Ideologie heraus ergibt sich die Maximalforderung: Abschaffung aller Tierversuche!

Wären für die „Zwischentöne“ nicht viel eher die Aufsichtsbehörden zuständig? Dann wären die Fronten klar verteilt: Hier die Tierexperimentatoren, die primär oder ausschließlich (je nach Grad der Radikalität der Sichtweise) ihr wissenschaftliches Interesse verfolgen. Dort die Tierrechtler/Tierschützer, die sich pauschal gegen alle Tierversuche aussprechen. Und im Grenzareal dazwischen die Aufsichtsbehörden (Regierungspräsidium, Veterinäramt etc.), die darauf achten, dass das wissenschaftliche Interesse nicht wie jetzt und für Tübingen dokumentiert (unnötiges?) Tierleid produziert. Der Rest ist gesellschaftlicher Diskurs und politische Willensbildung.

Wenn sich aber wie im Tübinger Fall alle Aufsichtsgremien und sogar der Tübinger Oberbürgermeister schon zu einem frühen Zeitpunkt der Diskussion bedingungslos auf die Seite der Tierexperimentatoren schlagen, löst sich das Vertrauen von Tierfreunden und Bürgern in deren Aufsichtsfunktion auf. Außer bei den Tierrechtlern finden sie dann keinen Ansprechpartner mehr in ihrer empörten Gefühlslage.

An dieser Stelle verlässt der Streit dann auch das spezifische Themenfeld Tierschutz/Tierrechte und landet dort, wo PEGIDA und andere politische Phänomene ihre reiche Ernte einfahren: beim Vertrauensverlust des Bürgers in die Politik und die Behörden.

 

Weitere DN-Artikel über die SOKO Tierschutz:

Aua1209 / Aua1210 / Aua1234 / Aua1407 / Aua1409 / Aua1434 / Aua1454 / Aua1484 / Aua1503 /





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Freitag, den 06. Februar 2015 um 07:31 Uhr
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