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TL40/15: Triumph mit Signalwirkung? Straathof schließt Schweinezuchtanlage Genthin

 

[02.02.15]

 

Das ist jetzt einmal eine gelungene und äußerst erfreuliche Überraschung: Einer der größten Schweinezüchter Europas, der aus den Niederlanden stammende Adrianus Straathof, gibt – zumindest – seine Schweinezuchtanlage (60.000 Tiere) im sachsen-anhaltinischen Gladau bei Genthin auf. So meldet es die WELT.

Die mutigen (!) Maßnahmen des Veterinäramts Jerichower Land gegen den Massentierhalter waren in den letzten Monaten schon mehrfach Gegenstand der Medienberichterstattung (vgl. Tageslinks 2014: TL219/14). Gegen die behördlichen Maßnahmen mit dem krönenden Tierhaltungs- und Betreuungsverbot für Straathof hatte dieser zunächst die üblichen Gegenmaßnahmen ergriffen: der Einsatz von Rechtsanwälten.

Nach dem Schweinehaltungsverbot gegen Straathof hatte dieser die Anlage in Gladau verpachtet. Doch die Amtstierärzte ließen sich nicht abschrecken und gingen im Januar auch gegen den Betrieb selbst vor. Daraufhin habe der Pächter den Vertrag wieder gekündigt, weil er keine wirtschaftliche Perspektive sehe.

Die Landespolitik in Sachsen-Anhalt bewertet diesen Erfolg als wichtiges Signal. Zitiert wird die Grünen-Politikerin Dorothea Frederking, die darauf hinweist, dass es eine Schließung eines Massentierhaltungsbetriebs in dieser Dimension noch nie gegeben hätte.

Mit der Schließung der Anlage in Genthin fallen auch 40 Arbeitsplätze weg. Es bleibt abzuwarten, welche Seite diesen Verlust zugunsten der Massentierhalter instrumentalisiert.

Am kommenden Freitag will der Landtag Sachsen-Anhalt über die Zukunft der Massentierhaltung diskutieren.

 

DN-Senf: Auch ohne weitergehende Recherche lässt sich das Vorgehen des Veterinäramts Jerichower Land als beispielhaft und ungeheuer mutig kategorisieren. Die wenigsten (und nicht nur die veganen) Laien haben einen Begriff davon, was hochbezahlte Rechtsanwälte bei den Verwaltungsgerichten, vor denen sich die Veterinäre dann für ihre Maßnahmen rechtfertigen müssen, alles erreichen können. Sich mit dem größten Schweinezüchter Europas anzulegen, dazu gehört eine ordentliche Portion Mut!

Damit kommen wir wieder direkt zu einem aktuellen DN-Thema: Veterinärämter unter besonderer Würdigung des PETA-Veterinärämter-Ranking 2014. Zu den bisher schon aufgeworfenen Fragen dazu (vgl. TL31/15) gesellt sich als nächste die, warum das Veterinäramt Jerichower Land in der Positivliste der Tierrechtler nicht vorkommt? Immerhin haben sie den bisher größten Sieg gegen die Massentierhaltung errungen, will man der Bewertung der Landespolitiker in Sachsen-Anhalt folgen. Die Erklärung liegt auf der Hand: Auch wenn PETA großmächtig von "den besten" und "schlimmsten" Veterinärämtern 2014 berichtet, kommen dabei nur diejenigen vor, mit denen PETA es im abgelaufenen Jahr zu tun gehabt hat. Allein deshalb schon ist dieses Ranking der blanke Hohn (vgl. dazu auch die Satire in Aua1501).

In diesem Zusammenhang muss erneut der Blick auf die Tierrechtsorganisation ARIWA gerichtet warden, die in dieser Frage einen ganz anderen und nach DN-Meinung weitaus sinnvolleren, weil konstruktiveren Weg geht. Statt Veterinärämter dafür zu geißeln, dass sie nicht aktiv genug im Sinne des Tierschutzes sind, weisen die Tierschützer von ARIWA in dieser Veröffentlichung ausdrücklich darauf hin, dass solche Massentierhaltungen durch die Veterinärämter gar nicht kontrolliert werden können!

ARIWA leistet das, was diese Redaktion bei PETA so schmerzlich vermisst: die Strukturanalyse. So etwa hier:

              

Der nun aufgedeckte Fall verdeutlicht, dass die Veterinärämter nicht in der Lage sind, selbst auffällig gewordene Betreiber so zu kontrollieren, dass wenigstens die geringen gesetzlichen Mindeststandards umgesetzt werden. Obwohl damals eine hohe Strafe verhängt wurde, arbeitet der Betreiber in seinen Masthallen heute genauso nachlässig wie zuvor. Das bedeutet konkret unglaubliches Leid für die Schweine.

Hier handelt es sich zwar um einen Extremfall, aber nur, was das schiere Ausmaß des Leidens betrifft. Solange Tiere in unserer Gesellschaft als Ware und Produktionsmittel gelten, werden grausame Zustände unvermeidlich und Tierquälerei an der Tagesordnung sein. Mir machen uns was vor, wenn wir glauben, dass sich dieses Problem flächendeckend durch regelmäßige Behördenkontrollen in den Griff bekommen ließe.

(ARIWA, 20.11.2014: Katastrophale Zustände in der Schweinemast; Hervorhebg. der DN-Red.)

              

Bei aller Freude über diese auch formulierte Erkenntnis darf man allerdings nicht übersehen, dass auch die Tierrechtler von ARIWA nur zu dem Schluss gelangen (können), der ihrer Ideologie entspricht: vollständiger Verzicht. Im November 2014 kommentierten sie das Tierhaltungs- und Betreuungsverbot gegen Straathof wie folgt:

              

Animal Rights Watch begrüßt daher den Schritt der Behörden, sieht jedoch die wirklichen Fehlentwicklungen im System selbst. Schweinezucht und Schweinemast sind auch ohne Gesetzesverstöße unvorstellbar grausam. Die flächendeckende, gesetzlich legitimierte Tierquälerei in der Schweinehaltung kann durch Berufsverbote für Einzelne nicht abgestellt werden. Zustände wie bei Straathof findet man in jeder zweiten Schweinezucht. Tierhaltungsverbote für bestimmte Personen bergen zudem die Gefahr, dass die Betriebe unter anderem Namen weitergeführt werden. ARIWA empfiehlt einen Komplettausstieg aus der Tierhaltung und die Förderung pflanzlicher Alternativen.

(ARIWA, 11.12.2014: Bundesweiteres Tierhaltungsverbot für Adrian Staathof ist nur ein Anfang; Hervorheb. d. DN-Red.)  

              

Zwar widerlegt der Straathof-Fall und der aktuelle Triumph der Behörden gegen den größten Schweinezüchter Europas Teile der ARIWA-Einschätzung aus November 2014 (Weiterführung des Betriebs unter anderem Namen), aber diese Tierrechtler verzichten wenigstens darauf, den schwarzen Peter einfach nur den Veterinärämtern zuzuschieben.

Verlässliche Begleiter auf dem Weg zur Verbesserung der Zustände allerdings sind auch sie nicht. Das lässt ihre Ideologie nicht zu. Auch ARIWA hat, wie PETA, SOKO Tierschutz oder andere Tierrechtsorganisationen, den vollständigen Verzicht auf tierische Produkte zum Ziel. An der Stelle käme dann eher wieder der Deutsche Tierschutzbund ins Spiel?





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Montag, den 02. Februar 2015 um 07:27 Uhr
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