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Aua1456: Tiere gehören zum Zirkus, Eiter zum Furunkel, Frauen an den Herd und Sklaven ins Kolosseum - oder: "Kauft nicht bei Wildtierdompteuren!"

 

{Persiflage zu dieser Vorlage}

 

Der Verein Kreativ-Nothilfe-für-Tierschützer-die-ihre-Zielgruppe-seit-Jahrzehnten-mit-denselben-moralinsauren-Elendstexten quälen (anstatt die hirnverquere Argumentation von Tierausbeutern einfach mal unterhaltsam lächerlich zu machen) schickt dieser Redaktion eine aktuelle Pressemitteilung:

              

Aktionsbündnis:
„Sklaven gehören ins Kolosseum“ 

- Pressemitteilung vom 30.11.2014 -

 

Sehr geehrte Damen und Herren,

die bevorstehenden Christen- und Sklavenverfütterungen an ausgehungerte Raubkatzen im Kolosseum (Rom) und insbesondere die angekündigten Auftritte des Gladiatoren-Trainers Wristian Chralliser haben mich dazu inspiriert, die folgenden Gedanken über die Einstellung unserer Gesellschaft zu den archaischen Schlachtungen im Kolosseum zu formulieren:

 

Auch der Gladiator hat ein Recht auf den Tod

Über den Zeitraum des jahreszeitlich definierten Konsumhöhepunks hinweg werden auch dieses Jahr wieder bluttriefende Brot-und-Spiele-Aufführungen im Kolosseum stattfinden. Mit dabei sind u. a. natürlich auch „Nummern“ mit Christen und Sklaven, wie sie aus Hollywood-Schinken wie etwa „Der Gladiator“ bekannt sind. Und es scheint doch, als wolle sich das römische Volk seine Hackepeter-Unterhaltung auf Kosten niederer Existenzformen nicht nehmen lassen.

Dabei tut die öffentliche Diskussion etwas noch viel Verwerflicheres: Sie suggeriert. Und zwar: ein Bild! Dieses Bild will Sie glauben machen, wir hätten es bei derlei archaischer Volksbelustigung auf Kosten der Kreatur mit einem antiquierten Kulturgut zu tun. Tsss, tsss, tsss! „Antiquiertes Kulturgut“ liegt immer ganz weit links auf der Zeitachse des zivilisatorischen Fortschritts und ist damit dessen Antipode.

Stattdessen stelle ich fest: Öffentliche Kreaturenquälerei finden doch nach wie vor ein begeistertes Publikum? Denken wir doch bitte nur an andere Veranstaltungen dieses vorzivilisatorischen Zuschnitts: Kreuzigungen, Steinigungen, Hexenverbrennungen. Jede derer mit großer Publikumsresonanz. Na, also! Quod erat demonstrandum, sagt der Lateiner (und mein Wörterbuch <Latein für Angeber>).

              

 

Es ist doch nur die bürgerliche Kälte der politischen Linken, welche versucht, derlei vom Publikum hochgeschätzten Veranstaltungen niederträchtig das Sündhafte des Menschenwerks anzuhängen!
Foto: Dieter Schulz / pixelio.de

 

              

Im Würgegriff der Parallelen ...

Womit habe ich es hier eigentlich zu tun? Sie werden einwenden, das hätte ich mir vor dem Schreiben überlegen sollen. Aber da verlangen Sie schon ein bisschen viel von einem Wildtierdompteur, der vom Äußersten bedroht wird: den Parallelen des Holocaustes!

 

... und im Dschungel der entgleisten Metaphorik

Wo bin und wer? Ach so: Dieses Phänomen einer vermeintlichen gesellschaftlichen Einheitlichkeit, die Behauptung einer angeblich unumkehrbaren gesellschaftlichen Richtung, die es verdienen soll, dass sich ihr alle Andersdenkenden fügen, dieses Verständnis von Moralität, bei dem die Frage danach, was ethisch legitim ist, bereits eine klare und nicht weiter hinterfragbare Antwort beinhalten soll?

Jetzt fällt es mir wieder ein: Ich bin nicht nur Wildtierdompteur, sondern Moralphilosoph. Und im weiteren Verlauf meines Textes auch noch Küchenpsychologe und Geschichtsfälscher. Weil es gerade so praktisch ist. Denn nirgends glüht mehr Glaubwürdigkeit als in der Verknüpfung von Moral und Monetik. Und wenn ich hier schon demokratische Grundsätze wie das Mehrheitsvotum in Frage stelle, die per definitionem den perversen Genuss von Minderheiten beschneiden, dann tue ich das aus Eigennutz, denn ich bin ja Gladiatorentrainer!

Wer braucht Tiere im Zirkus und Sklaven im Kolosseum, wenn Wildtierdompteure derlei abenteuerliche Bildlichkeiten entwerfen?: Ich meine, uns überkommt eine neue bürgerliche Kälte, die v.a. mit zwei ineinander verschlungenen Prinzipien auf Kriegsfuß steht, so dass sich Sigmund Freud im Grabe herumdrehen würde, könnte er uns hierbei zusehen: Dies ist das Begehren und das ist der Tod. Wer leidenschaftlich lebt, wie ein Dompteur, der verschafft seinem inneren Begehren, nach der Nähe zur wilden Kreatur, einen künstlerischen Ausdruck und bekommt dabei tagtäglich die Endlichkeit der eigenen Existenz vor Augen geführt.

              

 

Da hat's dem alten Phallokraten und Frauenfeind Sigmund Freud aber schön die Grabaufbauten zerbröselt - als ein Wildtierdompteur todesmutig zur Feder griff und mit auf Droge befindlicher Metaphorik und Geschichtsverdreherei die Linken für den Holocaust verantwortlich machte, damit deutsche Zirkusbesucher wieder unbeschwert bei Wildtierdompteuren einkaufen können!
Foto: Bernd Kasper / pixelio.de

 

              

Trost: Massive Grabrotationen lassen sich bei dieser vergaloppierten Metaphorik nicht nur an der letzten Ruhestätte längst abgehalfterter phallokratischer Psychoanalytiker feststellen. Eine Kälte, die auf Kriegsfuß steht! Mit das Begehren und der Tod.

Eins ist klar: So’n Dompteur hat es nicht nur nicht leicht, sondern gute Psychoanalyse dringend nötig. Da läuft es einem ja eiskalt den Rücken runter beim „inneren Begehren“. Und dann noch in die Nähe „zur wilden Kreatur“! Buuhäää. Das Begehren, tagtäglich die Endlichkeit der einen Existenz vor Augen geführt zu bekommen, wird von den Freud-Nachfolgern dann eher als suizidal und morbid klassifiziert. Soll gar nicht gesund sein! Aber: behandlungsbedürftig. Und: nicht mehrheitsfähig!  

              


Kriegsfüße - auf frischer Tat ertappt! Wenn Sie genau hinsehen, können Sie auch den Sinnhorizont, die ineinander verschlungenen Prinzipien sowie das sündhafte Menschenwerk vor tristen Kunstfelsen erkennen! Und wenn nicht, dann sind Sie vielleicht ein von den Linken im KZ aufgrund seines Kulturverständnisses gemeuchelter Zitategeber?
Foto: Michael Ermel / pixelio.de

 

              

Übrigens bietet diese wilde Welt für derlei verwirrrt-kranke Seelen mit Todessehnsucht sonnenbeschienene Spielplätze im Nahen Osten, ohne dass für deren „inneres Begehren“ wehrlose Sklaven oder versklavte Tiere herhalten müssen. Wenn das auf Freuds Grab fußende Bild der Medien nicht ganz falsch ist, findet der leidenschaftliche Dompteur bei den verwandt archaischen Truppen der ISIS ein Füllhorn an Möglichkeiten für seinen künstlerischen Ausdruck. Tod garantiert!

 

Dompteure sind auch nur lernunfähige Kinder!

Da mir mein von Freud, Gräbern und Kriegsfüßen gepeitschter Text an dieser Stelle schon komplett angebrannt ist, vergleiche ich unkollegial, aber zutreffend die von mir sehr geschätzten Dompteurkollegen mit unmündigen Kindern und treffe damit den Nagel versehentlich auf den Kopf. Denn: Kinder sind oft lernfähig und belassen es beim einmaligen Handauflegen auf der glühenden Herdplatte. Da sind Dompteure klar im Nachteil, die trotz eines fast tödlichen Unfalls ihrem Traumberuf treu bleiben. Nicht dass ich dem Menschenwerk per se das Sündhafte anzuhängen trachte, aber wo Kriegsfüße aus Psychoanalytiker-Gräbern staken, über welche der Hauch bürgerlicher Kälte streicht, finde ich meinen intellektuellen Ausdruck im mutigen Widerstand gegen die tristen Kunstfelsen des zivilisatorischen Fortschritts. Oder so.

              

 

Das ist sie: die fiese Fratze der bürgerlichen Kälte, die englischsprachigen Touristen den Spaß an den Tierquälereien in portugiesischen Delphnarien vergällen will! ... derweil sich Sigmund Freud sündhaft (!) in seinem Grabe dreht! (Natürlich wei er an seiner Latte wienert!)
Foto: icelab[at]zimmer.de / pixelio.de

 

              

Die Vernichtungslager der Linken!

Insofern stimmt es nicht, dass mein Denken bis zum Ende dieses Textes eingesetzt hätte. Denn als Repräsentant einer archaischen Kultur dulde ich keinen Widerspruch. Kühn werfe ich die Frage auf, wohin denn bitte die von der politischen Linken hofierte Strömungsreise dieser Gesellschaft geht? Bedenke, Mensch: Der Mythos von der unbescholtenen Natürlichkeit und der autoritäre Charakter sind zwei Dinge, die den Deutschen, vor dem Hintergrund eines nicht selten elitären Kulturverständnisses, durchaus zueigen sind. Der zuvor erwähnte jüdisch-polnische Pädagoge Janusz Korczak hat dieses Kulturverständnis mit dem Leben bezahlen müssen, als er in den Vernichtungslagern der Nazis ermordet worden ist. Die derzeitige Hetze gegen die Wildtierdressur im Allgemeinen befördert jedenfalls bedenkliche Parallelen zutage.

Jetzt ist es endlich und unter der Peitsche von Godwin’s Law raus: Die Judenvernichtung im Dritten Reich hatte sich recht eigentlich die politische Linke ausgedacht! Und – psst! – verraten Sie mich bitte nicht: Natürlich musste der Jude Korczak sein Leben nicht wegen seines Kulturverständnisses hingeben, sondern einfach nur, weil er Jude war! Aber so etwas kann schon mal passieren, wenn man sich intellektuell, historisch, moralisch, metaphorisch und argumentativ dermaßen verhebt.

Doch halten wir fest: In meinem todessehnsüchtigen Begehren, dem ich weit ab trister Kunstfelsen und entgegen jeden zivilisatorischen Fortschritts intellektuellen (!!) Ausdruck zu geben gedenke, springe ich nicht nur Logik, Historie und Anstand auf die von bürgerlicher Kälte erstarrten Kriegsfüße, sondern entblöde mich nicht, mich als vom Publikum zunehmend weniger goutierter Wildtierdompteur zumindest in die behagliche, weil schützende Nähe zu den Opfern des Holocaustes zu begeben.

Also: Tiere gehören zum Zirkus, archaische Volksbelustigungen trotz demokratischer Suggestivbilder zu Freud, dem sündhaften Menschenwerk friert’s an die Füße, die Konzentrationslager fallen in die Verantwortung der politischen Linken und achten Sie auf die Parallelen, wenn es demnächst schon wieder (!) heißt: „Kauft nicht bei Wildtierdompteuren!“

Habe fertig!

 

              
Völlig neue Perspektiven für die existenzbedrohten Wildtierdompteure: Neuere Dokumente beweisen, die Jungs werden erst richtig lustig, wenn sie ihrem "Intellekt" künstlerischen Ausdruck geben! Da geht sie ab, die Lucy! Besonders wenn sie auf der Klampfe der Geschichtsfälschung spielen!
Foto: JörgBrinckheger / pixelio.de





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Dienstag, den 02. Dezember 2014 um 12:01 Uhr
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