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Aua16: MDR-Seife Folge 2: Hund vor laufender Kamera eingeschläfert

{TS-Kritik} Wenn sich die MDR Doku-Soap „Leben für 4 Pfoten“ weiterhin so steigert, sollten Sie die nächsten Folgen auf gar keinen Fall mehr verpassen. Bisher stellt sich leider auf stichprobenartige telefonische Umfrage quer durch die Republik heraus, dass kaum ein Tierschutzprofi die Sendung bisher gesehen hat. Nur so vermutlich erklärt sich, warum es noch nicht zum Sturm der Entrüstung gekommen ist.

Die Höhepunkte der ersten Folge haben wir hier ausführlich dokumentiert. Das Konzept der detaillierten Dokumentation einzelner Szenen muss ich leider aufgeben, weil diese Vorgehensweise den Rahmen sprengen würde. Der Einfachheit halber und um der Lesbarkeit willen greifen wir nachstehend nur noch die spektakulärsten Szenen heraus.


Show-Euthanasie

Ein Horror erster Güte war in der zweiten Folge am 23.09.2010 die Einschläferung des Pensionshundes Prinz vor laufender Kamera. Der arme Schäferhund hatte ja schon dramaturgische Pflichten zum Ende der ersten Folge, als der Sprecher aus dem Off mit fröhlicher Intonation die Spannungskurve zum Thema Leben oder Tod dieses Hundes nach oben trieb.

In der zweiten Folge geht es dann bruchlos weiter: Vor Schmerzen und Luftnot stöhnend liegt dieser Besitzerhund in der Tierarztpraxis auf dem Tisch. Immer wieder während dieser Euthanasie-Szene wird Tierheimleiter Holger Henkel die Möglichkeit zum Kommentar gegeben. Etwa so: „Er tut mir unwahrscheinlich leid. Ich habe eine unwahrscheinliche Wut!“ .... Auf den Besitzer, wie man ergänzen muss, der auch noch in einer Diskussion zwischen Holger Henkel und Tierärztin durchgenudelt wird. Dass sich Henkel dabei in Widersprüche verwickelt, spielt auch schon keine Rolle mehr. Denn in der ersten Folge hatte es noch geheißen, der Besitzer von „Prinz“ sei kurz vor der Abgabe des Hundes in der Tierpension beim Tierarzt gewesen; jetzt wird ihm aber vorgeworfen, nicht zum Tierarzt gegangen zu sein.

Die Szene zieht sich. Erklärung der Stimme aus dem Off: Man warte auf die Untersuchungsergebnisse der Tierärztin. Weiterhin hört man den Todeskandidaten auf seinem Tisch vor Schmerzen und Luftnot stöhnen.

Dem Grauen eignet zeitliche Länge schon allein bei dem, was der Zuschauer zu sehen kriegt. Zu fragen bleibt darüber hinaus sicherlich noch, ob und inwieweit die Dreharbeiten sowie die Anwesenheit eines gesamten Kamerateams bei der Euthanasie deren Verlauf beeinflusst haben? Wo bleibt eigentlich die Würde dieses Hundes? Eine Bezugsperson für ihn ist nicht da. Er leidet nach Aussage der Tierärztin starke Schmerzen. Und in dem Raum, in dem er gleich die Schwelle zum Tod überschreiten wird, bewegen sich die Tierärztin, nach meiner Wahrnehmung zwei weitere Helfer, der Tierheimleiter Holger Henkel sowie ein gesamtes Kamerateam.

Prinz stöhnt immer noch. Und die tierärztlichen Befunde, so wie sie in der Folge genannt werden, erklären immerhin warum: Die Lunge voller Wasser, Herzvergrößerung, der Bauch „knüppelhart“, Spondylose. Nebenbefund ist massiver Flohbefall. Da möchte man dem Tierheim gratulieren, einen Hund mit dieser Parasitenlast als Pensionstier aufgenommen zu haben. Dann hat doch das ganze Tierheim etwas davon! Und die hochgradige Ohrentzündung (Otitis), in der ersten Folge diagnostiziert, ist ja auch nicht zu vergessen, sorgt eine solche ja ausreichend für zusätzliche Schmerzen. Um die gesamte Horrorszene auch von der Pietät her in den rechten Rahmen zu heben, konstatiert dieses Mal Holger Henkel wörtlich: „Arme Sau!“


Indirekter Spendenaufruf?

Bevor die „arme Sau“ allerdings von ihren Schmerzen und Leiden erlöst wird, weist Holger Henkel darauf hin, dass auf das Tierheim durch die „Behandlung“ (?) dieses Hundes noch zusätzliche Kosten zukämen. Das ist eine wichtige Information für den Zuschauer. Und es ist außergewöhnlich, denn im übrigen Bundesgebiet gilt die Regelung, dass anfallende Tierarztkosten während eines Pensionsaufenthalts von Besitzertieren selbstverständlich auch vom Besitzer zu tragen sind. Henkel steigert die Dramaturgie durch den Hinweis darauf, dass er „dafür“ (ungenehmigt dieses Kostenrisiko eingegangen zu sein) sicherlich von seinem Vorstand, i. e. seine Ehefrau, „einen übergezogen“ kriegen wird.


Mit der Kamera hautnah bis in den Tod

Die tierärztliche Entscheidung nach den aufgezählten Befunden und das fortdauernd im Hintergrund zu hörende Stöhnen ist prima vista nicht anzuzweifeln: Euthanasie. Und die Kamera weicht der „armen Sau“ keinen Millimeter von der Seite, als es zum letzten Akt geht.

Wer für Holger Henkel der wahre Verantwortliche für das ausufernd dargestellte Grauen dieser Szene ist, daran hat er keinen Zweifel gelassen: der Besitzer des Hundes, der von ihm mehrfach beschimpft wurde.

Aber: Stimmt das? Für die Verwahrlosung des angeblich sieben Jahre alten Hundes eventuell. Aber solange keine Informationen zu dem Tierhalter und seinen Entscheidungen vorliegen, ist jedes Urteil darüber vorschnell und unseriös. Und es war wohl auch nicht der Besitzer, der das Kamerateam zur Einschläferung mitgebracht hat?

Was ist eigentlich mit den Persönlichkeitsrechten des Hundebesitzers, der ja eventuell von seinem sozialen Umfeld wiedererkannt werden könnte, selbst wenn man den Namen des Hundes geändert hätte. Oder hat dieser Mensch all seine Rechte verwirkt, wie man es gelegentlich bei Tierschützern hört, sobald Tierquälerei oder Verwahrlosung manifest geworden sind? Man staunt auch, dass ein solcher Umgang mit Menschen, auch wenn nicht persönlich, sondern nur in der Verantwortung anwesend, journalistisch möglich ist.

Jedem Tierschützer mit jahrelanger Erfahrung begegnen diese furchtbaren Fälle mit verwahrlosten Tieren immer wieder. Guckt man genau hin, stellt man zumeist fest, dass es sich bei den Haltern um Menschen handelt, die aus den verschiedensten psychosozialen Gründen schon nicht in der Lage sind, die Verantwortung für sich selbst, geschweige denn auch noch für Tiere zu übernehmen. Diese Menschen brauchen Hilfe – nicht Verurteilung!

Überdies wurde in der ersten Folge als Grund für den Pensionsaufenthalt des Hundes meiner Erinnerung nach eine Kur des Hundebesitzers genannt. Ist es nicht so, dass überwiegend kranke Menschen in Kuren geschickt werden? Konnte sich der Besitzer vielleicht selbst schon länger nicht mehr um seinen Hund kümmern? Das sind alles Fragen, welche diese „Dokumentation“ offen lässt.


Konsequenzen?

Ich möchte einmal vermuten, dass jeder private Tierhalter, der zur Darstellung seiner Arbeit, seines Unternehmens oder seiner Dienstleistung mit einer solchen Szene ins Fernsehen geht, von Tierschützern quer durch die Bundesrepublik wegen des Verdachts der Tierquälerei angezeigt werden würde? Aber Tierschützer dürfen so etwas? Was kriegen sie dafür? Spenden?


Prinz weiß mehr, kleine "Kiss"!

Die zweite Folge dieses Grauens endet mit einer Szene am Flughafen, in welcher der Tierheimleiter Holger Henkel seine erste Vorsitzende und Ehefrau bei ihrer Rückkehr aus Rumänien begrüßt. Elvira Henkel hat im Handgepäck eine kleine Hündin aus der Smeura mitgebracht, der sie nach gründlichen Überlegungen während des Fluges den Namen „Kiss“ verpasst hatte, weil sie doch zum Knutschen süß sei. Holger Henkel begrüßt die Hündin mit dem Worten „Willkommen im Paradies!“

Jetzt ist das aber mächtig schade, dass sich Prinz und Kiss so knapp verpasst haben. Denn der Schäferrüde Prinz hätte der kleinen Kuss-Maus ganz detailliert berichten können, was genau das Paradiesische in Deutschland ist ... egal, ob privat oder in der Obhut von Tierschützern!

 
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Aktualisierung vom 12.01.2011:

Bitte lesen Sie hierzu auch meinen Artikel Ein Tierschutzverein als Familienunternehmen auf CharityWatch.de.

 

 

 

 

 

 





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Donnerstag, den 30. September 2010 um 12:50 Uhr
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