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Aua15: MDR-Seife Folge 1: Das soll Tierschutz sein?

 

MDR Doku-Soap TH Oelzschau Teil 1 / 16.09.2010 /
diskussionswürdige Szene 2:

Szeneort TH Oelzschau: Ein Bürger bringt nach seiner Aussage verwilderte Jungkatzen in undefinierbaren Holzkästen ins Tierheim.

Tierpflegerin Jessica macht die Aussage, das Tierheim dürfe „wilde Tiere nicht annehmen“.

 

Unser Kommentar:

1. Tierschutzwidrige Aufnahme verwilderter Katzen

Grundsätzlich ist Tierpflegerin Jessica hier auf dem richtigen Weg, den sie aber im weiteren Verlauf der Sendung verlässt. Zwar sind verwilderte Katzen keine „Wildtiere“, aber den Begriff benutzt sie auch nicht.

Weiß Jessica u. U., dass verwilderte Katzen überhaupt nicht in Tierheimen aufgenommen werden sollten? So sieht es auch der Entwurf einer Tierschutz-Katzenverordnung des Deutschen Tierschutzbundes e. V. aus dem März dieses Jahres vor. Zwar gehört das Tierheim Oelzschau nicht zu diesem Dachverband, aber deshalb verlieren die hier zitierten Grundsätze nicht ihre sachliche Richtigkeit und ethische Relevanz:

Zitat:
(2) (…) Sofern eine Unterbringung in Tierheimen aufgrund ihrer [i. e. verwilderte Katzen – K. B.] Ängstlichkeit gegenüber dem Menschen nicht möglich ist, sollten sie in ihrem Lebensumfeld verbleiben und dort betreut werden. (Deutscher Tierschutzbund e. V., Entwurf einer Tierschutz-Katzenverordnung, Vierter Abschnitt. Freilebende Katzen § 11 (2); Stand: 02.03.2010)
Zitatende

Warum die Aufnahme solcher Katzen mit Tierschutz nichts zu tun hat, zeigt die Doku im weiteren Verlauf sehr anschaulich: Die Katzen können nur mit brutalen Zwangsmaßnahmen behandelt werden und erleiden einen unsäglichen Stress.

2. Keine Nachfragen zur Marderfalle

Der Abgebende erklärt, er habe diese Jungkatzen mit einer Marderfalle gefangen. Das führt zu keinerlei Nachfragen beim Tierheimpersonal Oelzschau. Schon allein die Abklärung, wo genau der Mann die Katzen mit der Marderfalle eingefangen hat (im sogenannten „befriedeten“ Bereich zum Hause gehörend oder nicht), wäre von rechtlicher Relevanz. Besitzt er die Sachkunde im Umgang mit Lebendfallen? Warum besitzt er überhaupt eine solche Falle? Welche Tiere fängt er sonst noch mit dieser Falle ein?
Diese und noch viel mehr Fragen hätte ein Tierschutzprofi stellen müssen.

Fazit:

In dieser Szene zeigt sich das Personal des Tierheim Oelzschau nicht sachkundig. Die Verantwortliche handelt nicht im Sinne des Tierschutzes.

  

MDR Doku-Soap TH Oelzschau Teil 1 / 16.09.2010 /
diskussionswürdige Szene 3:

Szeneort TH Oelzschau: Tierpflegerin Jessica hat es sich wieder anders überlegt und schaut sich die verwilderten Jungkatzen an. Dann werden diese Katzen doch aufgenommen, ohne dass die Kamera dokumentieren oder die Off-Stimme erklären würde, dass der abgebende Landwirt (?) dazu verpflichtet wird, die dazugehörige Mutterkatze zur Kastration vorbeizubringen.

 

 

Unser Kommentar:

Tierverwaltung, nicht Tierschutz!

Jessica nimmt dem Mann die Jungkatzen ab, ohne auf der Kastration der dazugehörigen Mutterkatze zu bestehen! Es hat überhaupt nichts mit Tierschutz zu tun, solche Katzen entgegenzunehmen, wenn nicht sichergestellt ist, dass das dazugehörige Muttertier eingefangen und kastriert wird.

Es ist sehr wahrscheinlich, dass dieser Mann je nach Anzahl der unkastrierten Mutterkatzen im Aktionsradius seiner nicht näher hinterfragten Marderfalle mehrmals jährlich, und zwar pro Mutterkatze mindestens zwei Mal im Jahr, vorstellig wird, um die Nachzucht abzuliefern. So fördert man das Anhalten von Tier-, hier den Fortbestand des Katzenelendes!

MDR Doku-Soap TH Oelzschau Teil 1 / 16.09.2010 /
diskussionswürdige Szene 4:

Szeneort TH Oelzschau: Die frisch angelieferten Jungkatzen werden einer Tierärztin vorgestellt. Da sich die vollkommen verängstigten Tiere nicht anfassen lassen, werden die Tiere mit Handschuhen und Zwangsmaßnahmen behandelt. Die Katzen schreien und mehrfach zeigt die Kamera, wie die Tiere vor Stress hecheln – bei Katzen ein massives Stress- und Alarmzeichen.

Man sieht, wie die Tierärztin die Katzenwelpen spritzt. Die Stimme aus dem Off erklärt, die Tiere würden hier geimpft.

 

 

Unser Kommentar:

Grobe professionelle Fehler

Das hier gezeigte Vorgehen widerspricht allen Regeln und ist mir persönlich als Kunstfehler bekannt. Auf der Website jedes guten und professionell geführten Tierheims kann man nachlesen, wie in solchen Fällen zu verfahren ist, wenn man es aus eigener Sachkunde und Praxiserfahrung heraus nicht weiß.

Wie lege artis zu verfahren ist, zeigen beliebige Beispiele nach einer Suchmaschinen-Befragung:

http://www.tierheim-krems.at/04.html : dokumentiert die Anforderungen an die Quarantäne-Unterbringung.

http://www.grenzenlose-hundehilfe.de/nachtrag-katzenjammer-liepvre.htm : dokumentiert den regulären Ablauf: Parasitenbekämpfung, Quarantäneunterbringung, Beobachtung, Impfung, Beobachtung, Vermittlung.

http://www.hundeinfoportal.de/rostock_tierheim.php: Vorbildlich hier das Tierheim Rostock, das zurecht darauf hinweist, dass die Tiere auch nach der Impfung nicht sofort vermittelt, sondern noch beobachtet werden müssen, wie sie die Impfung vertragen. Erst nach der Freigabe durch einen Tierarzt kommen sie dann in die Vermittlung.

Zuerst müssen die Tiere gegen Endo- und Ektoparasiten, also Würmer und Flöhe, behandelt werden. Es bedarf überhaupt keiner weiteren Argumente für diese Maßnahme, denn kein Tierschützer hat je freilebende Katzen übernommen, die nicht parasitär belastet gewesen wären.

Danach werden die Katzen in eine Quarantänestation aufgenommen, wo sie auch zur Ruhe kommen können.

Im Verlaufe von mindestens 14 Tagen wird dann beobachtet, ob die Tiere so weit gesund sind, dass man sie impfen kann.

ERST DANN (!!!) können und dürfen die Katzen geimpft werden! Es gehört schon zur Sachkunde eines privaten Tierhalters zu wissen, dass nur gesunde Tiere geimpft werden dürfen. Tiere jedoch, die garantiert noch Parasitenlast tragen, sind nicht gesund!

Es ist nicht nachvollziehbar, warum der MDR hier die Arbeit eines Tierheims dokumentiert, das derart grobe professionelle Fehler macht. Und das sind auch keine Schönheitsfehler, denn man weiß kaum, was unwahrscheinlicher ist: dass diese Katzen eine derartige Radikalkur überleben oder dass sie auch noch am selben Tag vermittelt werden!

 

Fazit:

Katzenexperten äußern auf Befragung durch Doggennetz hin die Sorge, dass diese verwilderten Jungkatzen, die an einem Tag gefangen, geimpft und dann sogar noch weitervermittelt wurden, diesen Stress eventuell nicht überlebt haben könnten.

Das Vorgehen der Verantwortlichen des Tierheim Oelzschau zeigt dramatische Defizite in der Sachkunde.

Mit Tierschutz hat dieses Handling dieser verwilderten Jungkatzen überhaupt nichts zu tun.

 

MDR Doku-Soap TH Oelzschau Teil 1 / 16.09.2010 /
diskussionswürdige Szene 5:

Szeneort TH Oelzschau: Ein ganz normaler Katzenraum im Tierheim (KEINE Quarantäne!): Die Kamera zeigt eine der verwilderten Jungkatzen vom Morgen. Der zeitliche Ablauf ist für den Zuschauer nicht eindeutig zu rekonstruieren. Es entsteht aber der Eindruck, es sei der Abend desselben Tages. Die Tierpflegerinnen unterhalten sich. Dabei wird berichtet, dass zwei der drei am Morgen angelieferten verwilderten Jungkatzen schon vermittelt worden seien.  Die verbliebene dritte Jungkatzen sitzt apathisch hinter einem Kratzpfosten. Die Tierpflegerinnen streicheln das Tier und bewerten dessen Apathie als beginnende Zähmung. Die Tierpflegerin macht des Weiteren die Aussage, dass auch diese Katze einmal „ganz normal“ und zutraulich werden werde.

 

 

Unser Kommentar:

Die groben professionellen Fehler setzen sich fort:

  1. Diese letzte der drei am Morgen angelieferten verwilderten Jungkatzen hat in einem normalen Katzenzimmer überhaupt nichts zu suchen. Sie gehört selbstverständlich in eine Quarantänestation, wie oben schon ausführlich dargestellt. Diese hochgradig gestresste Jungkatze kann keinesfalls parasitenfrei sein und wird mithin die anderen Katzen in diesem Zimmer anstecken.
  2. Die hochgradig gestresste Jungkatze sitzt vollkommen apathisch hinter einem Kratzpfosten und lässt sich jetzt auch anfassen – kein Wunder! Mit beginnender Zahmheit hat das überhaupt nichts zu tun. Die Apathie erklärt sich aber, erinnert man sich der grausamen Szene 4. Man fragt sich, was es mit Tierliebe zu tun hat, verwilderte Katzen derart brutal zu behandeln.
  3. Schier unfassbar ist die Auskunft, dass zwei dieser verwilderten Jungkatzen inzwischen und nach dem für den Zuschauer nachvollziehbaren Zeitablauf mithin am selben Tag vermittelt worden sein sollen. Zum einen gehören verwilderte Katzen überhaupt nicht in Menschenhand. Zum zweiten ist der Stress für die Tiere lebensgefährlich. Wir erinnern noch einmal: An ein und demselben Tag: gefangen, geimpft und vermittelt! Für diese Arbeit brauchen professionelle Tierheime Wochen!
  4. Tierschützer, die ohne Vorkontrolle vermitteln, betreiben Tierverwaltung, aber nicht Tierschutz. Von einer Vorkontrolle in diesem Fall ist aber nicht die Rede. Sie wäre wohl auch zeitlich-organisatorisch kaum zu bewältigen gewesen, hat man doch ein Kamerateam im Tierheim und die erste Vorsitzende ist abwesend in Rumänien.


Fazit:

Was mit diesen Katzen gemacht wurde, hat mit Tierschutz nichts zu tun. Die gesamte Behandlung widerspricht allen Regeln der Fach- und Sachkunde. Die Tiere wurden völlig unnötig gestresst. Andere Tiere kommen durch diesen Umgang in Gefahr, denn die solcherart gestressten Katzen scheiden massiv Krankheitserreger aus. Da sie überdies nicht parasitenfrei sein können, stecken sie die anderen Katzen, mit denen sie in Kontakt kommen, an. Profis sorgen sich, ob diese Jungkatzen die derart brutale und sachunkundige Behandlung überhaupt überlebt haben.

Das ist kein Tierschutz. Das ist meiner persönlichen Meinung nach und nach Rücksprache mit verschiedenen sachkundigen Tierschützern hochgradig unprofessionell.

 

MDR Doku-Soap TH Oelzschau Teil 1 / 16.09.2010 /
diskussionswürdige Szene 6:

Szeneort TH Oelzschau: Vorgestellt wird der Schäferhund „Prinz“, der als Pensionshund im Tierheim sei. Dem nach Angaben des Besitzers 7 Jahre alten Hund geht es offensichtlich schlecht. Tierheimleiter Holger Henkel ergeht sich in Beschimpfungen des abwesenden Besitzers dieses Hundes, der das Tier in diesem maladen Zustand abgegeben habe. Eine erste tierärztliche Untersuchung im Tierheim zeigt eine wohl gravierende Ohrenentzündung (Otitis). Daraufhin und für weitere Untersuchungen wird der Hund mit einem Auto in eine Tierarztpraxis gefahren. Dort kann er schon nicht mehr selbstständig aus dem Auto aussteigen und muss mit einer flexiblen Trage getragen werden. Dann schleppt er sich wieder selbst über den Bürgersteig und erbricht sich. Deutlich sieht man weißen Schaum, der erbrochen wird. Obwohl der Schaum so fest ist, dass er sogar auf dem Asphalt stehen bleibt, erklärt die Tierärztin, es handele sich um Wasser, das der Hund getrunken habe.

Alle diese dramatischen Szenen werden von Holger Henkel immer wieder als Schuld des Tierbesitzers kommentiert.

 

 

Unser Kommentar:

Der Fall des Schäferhundes „Prinz“ wird noch weitere Kreise ziehen. In der 2. Folge kommt es zu derart unglaublichen Szenen mit diesem Hund, der seinen Auftritt im Fernsehen auch nicht überlebt, dass dieser Vorgang Konsequenzen haben muss.

Allerdings fragt man sich schon in der 1. Folge, wie es mit der Sachkunde des Tierheimleiters bestellt ist, wenn er einen todkranken Hund annimmt, der, wie sich in der 2. Folge herausstellt, Flöhe hat, schier erstickt am Wasser in seiner Lunge, kaum noch laufen kann (massive Spondylose; Befund aus Folge 2)  und – tierärztlich bestätigt in der 2. Folge - schlimmste Schmerzen hat. Ein Hund in diesem Zustand gehört nicht in eine Tierpension, sondern in eine Tierklinik! Und zwar nicht erst, wenn es schon zu spät ist. Auch wenn die furchtbare Euthanasie-Szene (Folge 2) zzgl. des unwahren Hinweises, die Kosten hierfür müsse das Tierheim tragen, sicherlich geeignet ist, Spenden zu provozieren.

Es wirft auch Fragen auf, warum den moralischen Empörungskaskaden des Tierheimleiters hier immer wieder so breiter Raum gegeben wird. Holger Henkel ergeht sich in verschiedenen Szenen in übelsten Beschimpfungen und Unterstellungen gegenüber dem Tierhalter. Solange keine Informationen und  kein Statement des Tierhalters vorliegt, warum und wieso ein Hund in diesem lebensbedrohlichen Zustand in einer Tierpension abgeliefert wird, sind alle Schuldzuweisungen und Empörungskrämpfe unangebracht und unseriös.

 

Fazit:

Was die MDR-Doku-Soap hier zeigt, ist meiner persönlichen Meinung nach Tierquälerei. Es ist auf jeden Fall ein Verstoß gegen sämtliche für Tierheime geltenden Vorschriften und gegen jede Sachkunde! Welche Verantwortung an dieser Tierquälerei den Verantwortlichen des Tierheim Oelzschau zufällt, sollte im idealen Fall der Staatsanwalt klären.

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Aktualisierung vom 12.01.2011:

Bitte lesen Sie hierzu auch meinen Artikel Ein Tierschutzverein als Familienunternehmen auf CharityWatch.de.

 

 

 

 

 

 

 





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Sonntag, den 26. September 2010 um 09:34 Uhr
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